Bonn, 17. Juni 2026. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hatten zum 6. Außenwirtschaftsseminar der Agrar- und Ernährungswirtschaft nach Bonn eingeladen. Rund 130 Gäste kamen: Exportleiter und Geschäftsführer, Diplomaten aus London und Neu-Delhi, Wissenschaftler und Ministeriumsmitarbeiter.
Die Diskussionen kreisten dabei vor allem um die konkreten wirtschaftlichen Folgen der aktuellen geopolitischen Herausforderungen. Höhere Energiepreise, steigende Logistikkosten, neue Handelshemmnisse und veränderte Absatzperspektiven zwingen viele Unternehmen dazu, ihre internationale Strategie neu auszurichten.
Stabile Exporte, wachsende Unsicherheit
„Die deutsche Ernährungsindustrie beweist auch in einem zunehmend unsicheren globalen Umfeld ihre Resilienz und Anpassungsfähigkeit“, sagte BVE-Geschäftsführer Olivier Kölsch in seinem Grußwort. „Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland stark unter Druck steht und verlässliche politische Rahmenbedingungen wichtiger denn je sind.“
Das ist die Quintessenz des diesjährigen Exportindikators von BVE und AFC, der auf dem Seminar vorgestellt wurde. Für die Studie wurden 418 Exportleiter und Geschäftsführer befragt. Die aktuelle Geschäftslage auf Auslandsmärkten wird mehrheitlich positiv bewertet, die Zukunftserwartungen fallen jedoch spürbar verhaltener aus als in den Vorjahren.
Besonders hart trifft es zwei Märkte. In den Golfstaaten brachen die Absatzerwartungen infolge des Irankonflikts nahezu vollständig ein. Der Anteil der Unternehmen, der dort mit steigenden Absätzen rechnet, sank innerhalb eines Jahres von 18 auf 1 Prozent. Und noch nie seit Beginn der Erhebung war der Wert für den US-Markt so niedrig wie heute.
Zahlen des Statistischen Bundesamtes untermauern das. Seit Einführung zusätzlicher US-Einfuhrzölle zum 7. August 2025 gingen die deutschen Lebensmittelexporte in die Vereinigten Staaten mengenmäßig um 14,9 Prozent zurück, von durchschnittlich 47.903 auf 40.745 Tonnen pro Monat. Der Exportwert sank von 195,5 auf 171,2 Millionen Euro monatlich, ein Minus von 12,5 Prozent.
Diversifizierung als Antwort
Olivier Kölsch skizzierte in Bonn, was er von Unternehmen und Politik gleichermaßen erwartet: den Mut, internationale Handelsbeziehungen auszubauen und die konsequente Nutzung von Förderinstrumenten. „Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Chancen erkennen und auch in anspruchsvollen Zeiten bereit sind, neue Wege zu gehen.“
Der Exportindikator offenbart: 28 Prozent der befragten Unternehmen haben ihr Länderportfolio in den vergangenen zwölf Monaten bereits erweitert. 82 Prozent exportieren sowohl in EU- als auch in Nicht-EU-Märkte. Gleichzeitig warnte Kölsch vor innenpolitischen Bremsmanövern. Neue regulatorische Belastungen oder Abgabenmodelle wie eine Zuckersteuer seien in der aktuellen wirtschaftlichen Lage kontraproduktiv. „Politische Entscheidungen müssen Wachstum ermöglichen und Unternehmen den notwendigen Handlungsspielraum geben.“
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Geopolitische Risiken verändern den Welthandel
Die wirtschaftspolitische Unsicherheit habe weltweit deutlich zugenommen, erläuterte Dr. Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft in ihrer Keynote. Zwischen neuen Handelsbarrieren, geopolitischen Konflikten und offenen Märkten müssten Unternehmen ihre Exportstrategien zunehmend flexibel anpassen.
Auch aus Sicht der Ernährungsindustrie verschärft sich der Druck. „Mehr als jemals zuvor steht die Branche auf internationalen Märkten vor sehr komplexen Rahmenbedingungen und schwierigen Entscheidungen“, sagte Kölsch. Geopolitische Konflikte, Handelsstreitigkeiten, Sanktionen, Tierseuchen und klimatische Extremereignisse veränderten die Bedingungen des internationalen Handels spürbar. Unternehmen müssten Märkte neu bewerten, Risiken neu kalkulieren und Lieferketten widerstandsfähiger gestalten.
Wie unmittelbar sich das in der Praxis niederschlägt, zeigte ein Impulsvortrag der Agrarmarkt Informations-GmbH (AMI) zu den Auswirkungen des Nahostkonflikts. Der Kernbefund: „Der Schock wirkt über Kosten, nicht über Mengen.“ Physische Versorgungsengpässe seien bislang ausgeblieben, doch Energie, Düngemittel und Wechselkurse belasten die gesamte Wertschöpfungskette. Harnstoff und Diammonphosphat (DAP) verzeichneten deutliche Preissprünge, die Straße von Hormus bleibt ein geopolitisches Nadelöhr.
Quelle: Jörn Wolter / ernaehrungsindusrie.deOlivier Kölsch ergänzte, wie vielfältig die Konfliktfolgen für die Branche sind. Mit Rohstoffimporten von 40 Milliarden Euro und Lebensmittelexporten von 84 Milliarden Euro ist die Ernährungsindustrie eng in internationale Handelsströme eingebunden. Steigende Energie- und Logistikkosten sowie höhere Preise für Verpackungsmaterialien treffen die Branche unmittelbar und verschärfen den Wettbewerbsdruck zusätzlich.
Brexit bleibt Belastungsfaktor
In den interaktiven Länderforen am Nachmittag stand Großbritannien, die Niederlande und Indien im Fokus, alle Diskussionen liefen parallel. Dr. Meinhard List, Agrarattaché an der Deutschen Botschaft in London, zeichnete das Bild eines Marktes, der strukturell importabhängig ist und eine hohe Zahlungsbereitschaft für Qualität mitbringt, durch den Brexit aber erhebliche Reibungsverluste entstehen ließ.
Grenzkontrollen und Zertifizierungsaufwand schrecken vor allem kleine und mittlere Unternehmen ab. Entscheidend werde, ob das derzeit verhandelte SPS-Abkommen zwischen EU und Großbritannien die Formalitäten spürbar reduziert.
Quelle: Jörn Wolter / ernaehrungsindustrie.deSimon Waring von Green Seed UK ergänzte: Sechs Handelskonzerne dominieren mit einem Marktanteil von 83 Prozent den britischen Lebensmitteleinzelhandel, Eigenmarken machen rund die Hälfte des Umsatzes aus. Wer nicht klar als Premiummarke positioniert sei, solle eine Eigenmarken-Partnerschaft prüfen. Gefragt seien Produkte mit Herkunft, Qualität und Nachhaltigkeitsprofil.
Indien: Wachstumsmarkt mit Geduldsanforderungen
Das zweite Länderforum galt Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt und einer der dynamischsten Volkswirtschaften der G20. Das im Januar 2026 geschlossene Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien gilt als Türöffner, doch drei Referenten mit direkter Indienerfahrung zogen ähnliche Schlüsse: Schnelle Erfolge sind die Ausnahme.
Agrarattaché Volker Klima benannte physische Präsenz, klaren Fokus und koordiniertes Auftreten unter dem Dach „Made in Germany“ als Grundbedingungen. Stefan Blaschak, der mit langjähriger Indienerfahrung sprach, formulierte es provokanter: „Niemand braucht Sie in Indien! Es sei denn, Sie verstehen den Markt und haben ein generelles Interesse an Indien und seinen Konsumenten.“ Ohne Marktkenntnis, lokalen Partner und Investitionsbereitschaft zahle man Lehrgeld.
Oliver Mirza, Managing Director von Dr. Oetker India, belegte das mit der eigenen Unternehmensgeschichte: Nach einem gescheiterten Start 2006 mit Backmischungen und Tiefkühlpizza gelang der Durchbruch erst mit der Übernahme des indischen Feinkostherstellers FunFoods 2008. Seitdem wächst Dr. Oetker in Indien nahezu durchgehend zweistellig. Die Lehre: klar definierte Zielgruppe, Produktanpassung für lokale Bedingungen und Nutzenkommunikation statt Imagewerbung.
Quelle: Jörn Wolter / ernaehrungsindustrie.deFreihandel als Fundament
Quer durch alle Programmpunkte zog sich eine Botschaft: Freihandelsabkommen sind eine operative Notwendigkeit für exportierende Lebensmittelhersteller. Der Exportindikator bestätigt das empirisch. Unternehmen messen ihnen hohe Bedeutung bei, insbesondere dem Mercosur-Abkommen, von dem erhebliche Impulse erwartet werden.
Kölsch verwies abschließend auf eine konkrete Gelegenheit: Erstmals wird es auf der Anuga im Oktober 2027 einen offiziellen deutschen Nationalpavillon des BMLEH geben, mit Firmengemeinschaftsbeteiligung und einem breiten Rahmenprogramm. „Das ist eine hervorragende Gelegenheit, sich gemeinsam als Team Deutschland zu präsentieren.“
Das Außenwirtschaftsseminar machte deutlich, dass geopolitische Risiken für exportierende Lebensmittelhersteller zum neuen Normalzustand geworden sind. Umso wichtiger werden offene Märkte, belastbare Partnerschaften und die Erschließung neuer Absatzregionen.
Die nächste Ausgabe des Formats ist bereits terminiert. Am 1. Juni 2027 findet in Berlin der 12. Außenwirtschaftstag der Agrar- und Ernährungswirtschaft statt.

