Großbritannien nach dem Brexit: Wie attraktiv ist der Markt noch?

Großbritannien bleibt trotz Brexit ein wichtiger Markt für die deutsche Ernährungswirtschaft, wenn auch ein komplizierter. Dr. Meinhard List, Agrarattaché an der deutschen Botschaft in London, erklärt, was sich seit dem EU-Austritt verändert hat, welche Chancen sich für mittelständische Unternehmen bieten und warum er noch immer Rübensirup im Gepäck hat, wenn er aus Deutschland zurückreist.

Blick auf den Big Ben und das Westminster-Viertel in London mit einem vorbeifahrenden roten DoppeldeckerbusQuelle: jovannig / Adobe Stock

Herr List, wie bewerten Sie aktuell die Chancen für Unternehmen der deutschen Ernährungsindustrie auf dem britischen Markt?

Dr. Meinhard List: Die Chancen für deutsche Unternehmen werden nach wie vor erheblich vom Brexit und den daraus entstandenen Handelshemmnissen beeinflusst. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es der EU und Großbritannien gelingt, ein Abkommen über gemeinsame sanitäre und phytosanitäre (SPS) Vorschriften zu schließen. Die Hoffnung ist, dass ein solches SPS-Abkommen die Einfuhren von Lebensmitteln nach Großbritannien und in die EU erheblich erleichtern wird. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist dies interessant. Einfuhren würden dann planbarer und kostengünstiger werden.

Welche Produktgruppen oder Trends sind in Großbritannien derzeit besonders gefragt?

Dr. Meinhard List: Großbritannien ist strukturell sehr importabhängig. Der Selbstversorgungsgrad liegt über alle Produktgruppen hinweg bei durchschnittlich rund 65 Prozent. Nach den uns vorliegenden Zahlen hat sich zum Beispiel das britische Importvolumen von Früchten, Hähnchenfleisch sowie Käse weiter erhöht. Britische Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen gerne mehr, wenn das Produkt dies aus ihrer Sicht besonders rechtfertigt, etwa durch seine Herkunft, seine Qualität oder sein „Storytelling“. Außerdem sind funktionelle Lebensmittel weiterhin sehr beliebt und in den Supermärkten regelrecht etabliert.

Hat sich die Wahrnehmung deutscher Lebensmittel und Marken in Großbritannien seit dem Brexit verändert?

Dr. Meinhard List: Aus meinen Erfahrungen blicken die Briten grundsätzlich positiv auf deutsche Lebensmittel. Sie kennen verschiedene deutsche Produkte von Reisen nach Deutschland, von britischen Weihnachts- und Wochenmärkten sowie aus dem Einzelhandel, wo es hier und da „German Weeks“ oder Bäckereien für deutsches Brot gibt. Nicht umsonst war Deutschland 2025 unter den Top 5 der wichtigsten Importländer.

Studien zeigen aber, dass sich wegen des Brexits die Auswahl an Lebensmitteln aus der EU deutlich verringert hat. Gerade weil Handelsbarrieren kleine und mittlere Unternehmen abschrecken. Mein Eindruck ist, dass dies auch auf typisch deutsche Lebensmittel zutrifft. Natürlich gibt es in Großbritannien sehr gute und spezialisierte Versandhändler für traditionelle deutsche Lebensmittel, aber in einem britischen Supermarkt kann man solche Produkte nur recht selten finden.

Wo erleben deutsche Unternehmen heute noch die größten praktischen Hürden im Handel mit Großbritannien?

Dr. Meinhard List: Die größte Herausforderung ist nach wie vor der Brexit und die wieder eingeführten Regeln, wie sie im internationalen Handel (außerhalb der EU) üblich sind. Dazu zählen physische Grenzkontrollen ebenso wie zusätzliche Zertifizierungsanforderungen. Je nach Branche werden die zusätzlichen Kosten für die Lebensmittelwirtschaft auf dreistellige Millionenbeträge geschätzt.

Gleichzeitig herrscht im britischen Einzelhandel ein hoher Wettbewerbs- und Preisdruck. Britische Verbraucher geben sich angesichts steigender Lebenshaltungskosten sehr preisbewusst. Hinzu kommt, dass der britische Lebensmitteleinzelhandel von wenigen großen Marktteilnehmern geprägt wird.

Spüren Sie aktuell wieder eine stärkere politische oder wirtschaftliche Annäherung Großbritanniens an die EU?

Dr. Meinhard List: Britische Experten haben errechnet, dass das Volumen der Lebensmittelexporte aus Großbritannien in die EU in den vergangenen fünf Jahren um fast 25 % zurückgegangen ist. Die Ausfuhren nach Deutschland sollen sogar um fast 60 % eingebrochen sein. Da wundert es nicht, dass die aktuelle britische Regierung hier gegensteuern will und muss.

Ein wichtiger Schritt wäre hier das bereits erwähnte SPS-Abkommen, an dem Großbritannien und die EU derzeit mit Hochdruck arbeiten. Die EU ist und bleibt für die britische Agri-Food-Branche der wichtigste Exportmarkt, daher versucht die Regierung sehr ernsthaft und engagiert, die Handelsbarrieren mit der EU als ihrer wichtigsten Handelspartnerin soweit wie möglich zu verringern. Gleichzeitigt erhofft sich die britische Regierung, dass auf diesem Wege auch die Lebensmittelpreise in den britischen Supermärkten sinken werden.

Wie können Unternehmen der deutschen Ernährungsindustrie konkret von Ihrer Arbeit als Agrarattaché in Großbritannien profitieren?

Dr. Meinhard List: Als Agrarattachés des BMLEH haben wir sehr vielfältige Aufgabenbereiche. Unter anderem verfolgen wir agrar- und ernährungspolitische Entwicklungen, helfen dabei, Handelshemmnisse frühzeitig zu erkennen bzw. abzubauen, sind Ansprechpartner für die Wirtschaft und leisten Unterstützung in Fragen des Exports wie auch bei der Herstellung von Kontakten zu den Behörden vor Ort.

Konkrete Beispiele für Großbritannien sind etwa die Unterstützung bei der Bewältigung der Folgen der Maul- und Klauenseuche für den Handel sowie die Unterrichtung von deutschen Wirtschaftsunternehmen und -verbänden über die praktischen Konsequenzen des Brexit für den Agri-Food-Sektor bzw. die sich nun abzeichnende Annäherung Großbritanniens an die EU.

Welche Empfehlungen würden Sie deutschen mittelständischen Unternehmen geben, die den britischen Markt erschließen möchten?

Dr. Meinhard List: Es gibt viele Wege nach Großbritannien, und der richtige hängt immer vom Unternehmen und Produkt ab. Wichtige Angebote an die Wirtschaft sind die Informationen des BMLEH unter agrarexportfoerderung.de. Hier finden sich unter anderem Informationen über Unternehmerreisen, Veranstaltungen und Marktstudien.

Eine Übersicht über das Auslandsmesseprogramm des Bundes gibt es unter www.german-pavilion.com. Zudem sind in Großbritannien die Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer sowie das Büro von Germany Trade & Invest gute Anlaufstellen, um sich mit Großbritannien als Absatzmarkt vertraut zu machen.

Darüber hinaus lohnt der Besuch britischer Lebensmittelmessen als erster Schritt, um ein Gefühl für Chancen, Herausforderungen und Trends zu bekommen.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie hatten einmal erwähnt, dass Sie bestimmte Produkte aus der EU mit nach Großbritannien bringen. Ist das heute noch so?

Dr. Meinhard List: In der Tat, wenn sich die Gelegenheit ergibt, bringe ich auch heute noch lokale Spezialitäten wie Rübensirup, Schokolade oder eingelegten Kürbis mit nach London. Der Brexit spielt hier insofern eine Rolle, da man vor dem EU-Austritt diese Produkte einfach in einem kleinen Paket nach Großbritannien versandt hätte. Aber der Postweg ist nun zunehmend komplizierter und teurer geworden.

Außerdem gibt es weiterhin Einschränkungen bei der privaten Einfuhr bestimmter Lebensmittel aus der EU aufgrund der Maul- und Klauenseuche. Das gilt etwa für verschiedene Fleisch- und Milchprodukte. Eine sehr konkrete Folge des Brexit im Alltag.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Meinhard List ist Agrarattaché an der Deutschen Botschaft in London. Er beobachtet die agrar- und handelspolitischen Entwicklungen im Vereinigten Königreich und unterstützt deutsche Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft bei Fragen des Marktzugangs und Exports.

Porträtfoto von Dr. Meinhard List, Agrarattaché an der deutschen Botschaft in LondonQuelle: Dr. Meinhard List

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Einmal im Monat geben wir Einblicke in aktuelle Themen, politische Entwicklungen und Hintergründe der deutschen Ernährungsindustrie.