Nichts verkommen lassen. In der Lebensmittelindustrie ist das eine Frage von Technik, Daten und Organisation. Für diesen Beitrag haben fünf Hersteller jeweils eine konkrete Lösung ausgewählt. So erfassen die Fahrer von Harry Brot zum Beispiel schon auf ihrer Tour, welche Mengen der Supermarkt am nächsten Tag benötigt. Wiltmann arbeitet daran, die Nachfrage mithilfe Künstlicher Intelligenz genauer vorherzusagen. Bei Dr. Oetker wird etwa Käse, der beim Belegen neben die Pizza aufs Band fällt, wiederverwendet. Westfleisch verpackt Fleisch so, dass es bis zu acht Tage länger hält. Und Danone findet für Ware mit kurzer Restlaufzeit eigene Abnehmer.
Dabei gilt: Vermeiden geht vor Verwerten. Wo Nachfrage, Produktion, Logistik und Vermarktung eng aufeinander abgestimmt sind, entstehen vermeidbare Überschüsse gar nicht erst. Was dennoch übrig bleibt, wird weitervermarktet, gespendet oder verwertet.
Die Beispiele stehen stellvertretend für viele weitere Maßnahmen in den genannten Unternehmen und in der Branche. Anlass ist die bundesweite Aktionswoche „Zu gut für die Tonne!“, die am 29. September beginnt.
Über 180 Aktionen von Kiel bis Freiburg
Die Aktionswoche „Zu gut für die Tonne!“ findet 2026 zum siebten Mal statt. Sie läuft vom 29. September bis zum 6. Oktober. Ausrichter sind das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und die Bundesländer. Sie beginnt am Internationalen Tag gegen Lebensmittelverschwendung.
Auf einer interaktiven Karte sind in diesem Jahr mehr als 180 Aktionen verzeichnet, online und vor Ort. Das Angebot reicht vom Kochkurs über Retter-Tüten auf dem Wochenmarkt bis zur Messaktion für Tellerreste. Das Motto „Alles auf dem Zettel“ zielt auf die privaten Haushalte. Dort entstanden 58 Prozent der 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle, die 2023 in Deutschland anfielen. Mitgezählt werden auch Schalen oder Kaffeesatz, die sich nicht vermeiden lassen.
Auch digitale Angebote setzen hier an. Das Rezeptportal eat.de aus Zwickau ist beispielsweise mit einem eigenen Werkzeug als Praxisprojekt der Aktionswoche gelistet. Nutzer tragen ein, was im Kühlschrank übrig ist, und erhalten passende Gerichte. Grundlage sind nach Angaben des Portals mehr als 6.000 erprobte Rezepte. Das Angebot ist kostenlos und ohne Konto nutzbar.
Zehn Prozent weniger bis 2030
Auf die Verarbeitung in Industrie und Handwerk entfielen im Berichtsjahr 2023 rund 17 Prozent der Lebensmittelabfälle, etwa 1,9 Millionen Tonnen. Für diesen Sektor gibt es seit dem 16. Oktober 2025 erstmals ein verbindliches Ziel. Die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie verlangt, dass die Abfälle in Herstellung und Verarbeitung bis Ende 2030 um zehn Prozent sinken. Für Handel, Gastronomie und Haushalte gilt ein Summenziel von 30 Prozent pro Kopf. Maßstab ist jeweils der Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2023.
Entscheidend für die Unternehmen: Das Ziel gilt für den Sektor als Ganzes, nicht für den einzelnen Betrieb. Bis Juni 2027 muss Deutschland die Richtlinie in nationales Recht übertragen. Das BMLEH überarbeitet parallel seine Nationale Strategie gegen Lebensmittelverschwendung und hat für die Verarbeitung einen eigenen Dialog angestoßen. Er soll Anreize für den Sektor entwickeln.
Technik gegen Ausschuss
Neu ist das Thema für die Branche nicht. Die Prozesse sind seit Jahrzehnten auf Effizienz ausgelegt. „Verluste zu vermeiden, ist längst Teil der täglichen Praxis“, sagte Dr. Volker Heinz, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik (DIL), im Interview mit der BVE. Verluste entstehen oft durch kleine Abweichungen beim Abfüllen, Verpacken oder Produktwechsel. Dort setzt die Technik an. Sie macht Schwachstellen sichtbar, stabilisiert Prozesse schneller und führt Lebensmittel in den Kreislauf zurück. Mit Sensorik und KI lässt sich inzwischen die gesamte Charge überwachen statt nur Stichproben.

Was sich nicht vermeiden lässt, wird verwertet. Molke aus der Käseproduktion wird zu Futtermittel, Eiweißdrinks oder Sportnahrung, Presskuchen aus der Ölgewinnung zu Ballaststoffmehlen und Proteinzutaten. Aus Obst- und Gemüseschalen entstehen Aromen, färbende Zutaten oder Biogas, das wiederum Energie für die Produktion liefert. Ganz ohne Verluste werde es nicht gehen, sagte Heinz. „Naturprodukte sind schlicht zu variabel.“
Die Prognose entscheidet
Der früheste Hebel liegt vor dem ersten Produktionsschritt. „Die beste Tonne ist die, die gar nicht erst gefüllt wird“, sagt Dominik Berner, Leiter Betriebsorganisation bei Franz Wiltmann. Gemeinsam mit Anwendungsentwickler Phillip Pieck arbeitet er daran, die Absatzplanung des Herstellers mit Künstlicher Intelligenz zu verbessern. Bisher prüft ein Planungsteam die Ergebnisse eines statistischen Prognosemodells und korrigiert sie bei Bedarf. Künftig soll KI diese Nachbewertung schneller, systematischer und datenbasiert unterstützen. Das Ziel: weniger Überproduktion, weniger Ware mit ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum und trotzdem keine leeren Regale.
Auch im Bäckerhandwerk sind solche Systeme schon im Einsatz. Die Software BackPlan des Berliner Anbieters Backdigital rechnet mit Verkaufsdaten, Wetter und Feiertagen. Nach Angaben der Deutschen Bundesstiftung Umwelt können Betriebe ihre Retouren damit um bis zu 20 Prozent senken.
Wenn der Lieferweg schon mitplant
Harry-Brot bezieht seine Auslieferung in die Planung ein. Der eigene Frischdienst fährt täglich rund 1.000 Touren, die Fahrerinnen und Fahrer erstellen dabei bereits die Bestellung für den Folgetag. So weiß die größte Lieferbäckerei Deutschlands sehr kurzfristig, was der Handel braucht. Zusammen mit Absatzdaten, Feiertagen und Aktionen steuert das die Produktion. „Die größte Stellschraube ist für uns die Digitalisierung unserer Prozesse“, sagt Nachhaltigkeitsmanager Ludger Zmijewski. Brotabschnitte aus der Herstellung gehen als sogenanntes Rework zurück in den Teig.
Quelle: Harry BrotHaltbarkeit schafft Spielraum
Westfleisch setzt unter anderem bei der Verpackung an. Bei FlatBoard- und Skin-Verpackungen liegt das Fleisch auf einem flachen Karton, eine dünne Folie umschließt es unter Vakuum. Weniger Sauerstoff heißt weniger Oxidation. Das Fleisch bleibt länger ansehnlich, und das zählt: Verfärbungen deuten viele Kunden als Zeichen nachlassender Qualität. Bei entsprechenden Produkten verlängert sich die Haltbarkeit um bis zu acht Tage, beim FlatBoard sinkt zugleich der Kunststoffeinsatz um bis zu 60 Prozent. Food Waste lasse sich „bereits durch intelligente Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette“ reduzieren, sagt Dr. Verena Schütz-Schwark, Leiterin der Nachhaltigkeitsabteilung bei der Westfleisch SCE.
Zweite Runde für Käse und Teig
Dr. Oetker misst in seinen Werken genau, wo Lebensmittel verloren gehen, und setzt dort an. In den Pizzawerken wird etwa Käse, der beim Belegen neben die Pizza fällt, aufgefangen und wiederverwendet. Nicht perfekt gebackene Teigböden werden vermahlen und fließen in neuen Teig. Erfolgreiche Lösungen geben die Standorte untereinander weiter. In den Pizzawerken sanken die Verluste bis 2025 um 41 Prozent gegenüber 2019, Neuprodukte ausgenommen. Allein 2025 fielen dort nach Unternehmensangaben rund 1.000 Tonnen weniger Lebensmittelabfälle an als im Vorjahr. „Viele kleine Verbesserungen können gemeinsam viel bewirken“, sagt Ruby Hazewinkel, Junior Sustainability Manager bei Dr. Oetker.
Quelle: Dr. OetkerEine zweite Chance für einwandfreie Ware
Auch bei genauer Planung lassen sich Überschüsse nicht immer vermeiden. „Lebensmittel sind zu wertvoll, um sie ungenutzt zu entsorgen“, sagt Marine Ogier, Senior Sustainability Manager bei Danone DACH. Ein Baustein der Danone-Strategie ist ein eigener Vertriebsweg. Über den Clearance Channel gehen Produkte, deren reguläre Restlaufzeit unterschritten ist, an spezialisierte Abnehmer. 2025 blieben so 86 Prozent dieser Produkte im Lebensmittelkreislauf.
BVE und KLAV: Wissen in die Betriebe bringen
Eine zentrale Anlaufstelle für die Wirtschaft gibt es seit 2025. Das BMLEH hat die Kompetenzstelle zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und -verlusten (KLAV) bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) eingerichtet. Sie richtet sich an Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Außer-Haus-Verpflegung. Ihr Schwerpunkt liegt am Anfang der Lebensmittelversorgungskette und an den Schnittstellen zwischen den Sektoren.
Die BVE ist an der Arbeit der Kompetenzstelle beteiligt. Im Dezember 2025 richtete die KLAV einen Beratungskreis ein, der sie strategisch und fachlich unterstützt. Ihm gehören 15 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung an. Zum Vorsitzenden wurde BVE-Geschäftsführer Olivier Kölsch gewählt. Seine Stellvertretung übernimmt Dr. Malte Rubach vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus.
„Viele Unternehmen haben längst gute Lösungen gegen Lebensmittelverluste entwickelt. Die KLAV bündelt diese Erfahrungen und sorgt dafür, dass auch andere Betriebe davon profitieren können“, fasst Olivier Kölsch den Anspruch der Kompetenzstelle zusammen.
So vermittelt beispielsweise die Online-Seminarreihe der KLAV Unternehmen praxisnahe Lösungen. Für die kommenden Jahre plant die KLAV zusätzliche Schulungen und praxisorientierte Leitfäden. Außerdem begleitet sie den Dialogprozess des BMLEH zu Anreizsystemen für die Verarbeitung.
Ihr Engagement gegen Lebensmittelverschwendung bündelt die BVE auch außerhalb der Industrie. Sie hat die Initiative United Against Waste mitgegründet. Diese erfasst Abfälle in Küchen und Kantinen, identifiziert Schwerpunkte und entwickelt mit den Betrieben passende Lösungen.
Vom Werk zur Tafel
Darüber hinaus gibt es auch Lebensmittelspenden von Herstellern seit vielen Jahren. Neu ist der Versuch, sie bundesweit systematisch zu organisieren. Im März 2025 haben Tafel Deutschland und der Logistikdienstleister DACHSER Food Logistics die Allianz für Lebensmittelrettung vereinbart. Seit März 2026 sind alle 13 Tafel-Landesverbände eingebunden. Schirmherr ist Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer.
Der Hintergrund: Supermärkte bestellen dank moderner Kassen- und Warensysteme immer bedarfsgerechter. Bei ihnen bleibt weniger übrig. Hersteller haben dagegen mitunter große Mengen abzugeben, etwa mehrere Paletten auf einmal. Eine einzelne Tafel vor Ort kann solche Mengen kaum selbst abholen, lagern und verteilen.
Die Allianz bündelt deshalb Ansprechpartner, digitale Erfassung und überregionale Logistik. Über die Plattform TafelConnect werden Spenden erfasst, verteilt und dokumentiert. DACHSER holt die Ware ab und bringt sie innerhalb von 24 bis 48 Stunden zu den Logistikstandorten der Landesverbände, zum Selbstkostenpreis. 2025 organisierte das Unternehmen bereits mehr als 600 Transporte überregionaler Spenden. Die Landesverbände verteilen die Ware weiter an die örtlichen Tafeln.
Für Hersteller zählt der Vorlauf. Bis eine Spende bei der Ausgabe ankommt, können nach Angaben von DACHSER bis zu zwei Wochen vergehen, weil viele Ausgabestellen nicht täglich öffnen. Tafel-Chef Andreas Steppuhn sieht in der Allianz die Chance, neben der Zusammenarbeit mit dem Handel „nun auch leistungsfähige Strukturen in der Lebensmittelverarbeitung aufbauen“ zu können. Rund 1,5 Millionen Menschen nutzen regelmäßig die Angebote der mehr als 970 Tafeln. Die neue EU-Richtlinie verpflichtet die Mitgliedstaaten, solche Spenden zu fördern.
Vom Einzelprojekt zum System
Die vorgestellten Lösungen sind jeweils nur ein Ausschnitt. In den Unternehmen greifen viele verschiedene Maßnahmen ineinander. Welche Hebel am stärksten wirken, hängt auch vom Produkt ab. Was in einer Großbäckerei funktioniert, passt nicht automatisch in einen fleischverarbeitenden Betrieb. Wirksam sind Lösungen, die auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten sind, sich im Alltag bewähren und wirtschaftlich tragen.
Mit den EU-Zielen wächst der Anspruch, Fortschritte nachvollziehbar zu messen. Bis Juni 2027 muss Deutschland die Richtlinie umsetzen, bis 2030 sollen die festgelegten Reduktionsziele erreicht sein. Der nächste Schritt ist, bewährte Verfahren weiterzuentwickeln, Erfahrungen zu teilen und praxistaugliche Lösungen in die Breite zu bringen. Mit der KLAV gibt es dafür inzwischen eine eigene Anlaufstelle.

