Wie krisenfest ist die Lebensmittelversorgung in Deutschland?

Lebensmittelversorgung war lange kein zentrales sicherheitspolitisches Thema. Das hat sich geändert. Beim What the Food Forum „Crisis-Proof" von BVE und Lebensmittelverband Deutschland diskutierten Wirtschaft, Politik und Bundeswehr gemeinsam darüber, wie resilient Deutschlands Lebensmittelversorgung wirklich ist und was jetzt zu tun ist.

Politisches Grußwort von Alois Rainer – Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof"Quelle: BVE / Tobias Rücker

Volle Regale gelten in Deutschland als selbstverständlich. Doch die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten können. Pandemie, Energiekrise, Krieg in Europa und Cyberangriffe haben deutlich gemacht, dass die Lebensmittelversorgung eng mit Sicherheit, Infrastruktur und internationaler Zusammenarbeit verbunden ist.

Vor diesem Hintergrund haben die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und der Lebensmittelverband Deutschland am 24. März 2026 zum What the Food Forum „Crisis-Proof“ nach Berlin eingeladen. Im Mittelpunkt standen Notfallpläne, strategische Reserven, Energieversorgung und die Rolle der Unternehmen im Krisenfall.

Zu Beginn machte René Püchner, Präsident des Lebensmittelverbands Deutschland, deutlich, dass Krisenvorsorge heute nicht mehr nur Aufgabe des Staates ist, sondern eine gemeinsame Verantwortung von Wirtschaft, Behörden und Gesellschaft. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, wie schnell scheinbar stabile Systeme unter Druck geraten können. Ziel müsse es deshalb sein, Risiken frühzeitig zu erkennen, Szenarien durchzuspielen und Strukturen so aufzustellen, dass sie auch unter außergewöhnlichen Bedingungen funktionieren.

Die anschließenden Diskussionen zeigten, wie groß der Handlungsbedarf ist. Durch das Programm führte Moderatorin Heike Boese.

 „Ohne Lebensmittel keine Mittel zum Leben“

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbandes Deutschland und der BVE, eröffnete den inhaltlichen Teil mit einer Bestandsaufnahme. „Wenn ich sage, Krise ist das neue Normal, dann schaue ich eben nicht nur auf die Kriegsszenarien, sondern auf Cyberattacken, Sabotageaktionen, Pandemien, Boykotte, Sanktionen, Lieferkettenstörungen. Alles das sind Krisen, die es zu bewältigen gilt.“

Ansprache von Christoph Minhoff – Hauptgeschäftsführer BVE & Lebensmittelverband auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof"Quelle: BVE / Tobias Rücker

Dabei stellte er klar, was auf dem Spiel steht: „Die Lebensmittelwirtschaft ist – verzeihen Sie diese Unbescheidenheit – wohl eine der wichtigsten Infrastrukturen, die im Krisenfall aufrechtzuerhalten ist. Nahrung ist nun mal elementar. Ohne Lebensmittel keine Mittel zum Leben.“ Schon im Normalbetrieb sei es eine enorme Leistung, täglich 84 Millionen Menschen zuverlässig zu versorgen. Dass dies reibungslos funktioniere, werde oft als selbstverständlich angesehen.

Sein dringlichster Appell galt der Politik. „Ohne Energie und Transport keine Produktion.“ Er fordert: „Wir benötigen wie bei Corona und Ukrainekonflikt eine Gaspreisbremse.“

Die Ernährungsindustrie sei der zweitgrößte Gasverbraucher der Republik. Fast alles müsse erhitzt oder gekühlt werden. Steigende Energiepreise könnten die Unternehmen kaum abfedern. Deshalb forderte Minhoff einen Industriestrompreis für alle Unternehmen der Branche sowie überschüssigen Strom aus Wind und Sonne kostenlos für die Industrie. Und: die Mautgebühr zumindest temporär für Lebensmitteltransporte auszusetzen.

Gleichzeitig betonte Minhoff: Die Branche ist vorbereitet. „80 Prozent unserer Unternehmen haben Notfall- und Krisenpläne aufgestellt und ebenfalls 80 Prozent IT- und Cybersecurity-Maßnahmen ergriffen. Zwei Drittel haben ihre Lieferketten diversifiziert, um auf Störungen besser reagieren zu können.“

Lücken im Regal habe es bei bisherigen Krisen nicht gegeben und das soll so bleiben. Für echte Notfallvorsorge brauche es zudem haltbare, verzehrfertige Lebensmittel. Die viel zitierte „Ravioli-Reserve“ stehe sinnbildlich für eine realistische Notfallplanung. Und dennoch: „Bitte keine Panik. Es gibt derzeit keinen Grund für einen Hamsterkauf-Impuls. Die Vorräte sind ausreichend.“

Sein Fazit in Anlehnung an Winston Churchill: „Keine Krise sollte verschwendet werden. Wir wollen uns vorbereiten, für die Krise gewappnet sein. Das hat nichts mit Panikmache oder German Angst zu tun. Es ist einfach vernünftig.“

Bundesminister Rainer fordert Update der Notfallreserve

Auch Bundesminister Alois Rainer (BMLEH) betonte beim Forum die Bedeutung einer verlässlichen Lebensmittelversorgung in Krisenzeiten und sprach sich für eine Weiterentwicklung der staatlichen Vorsorge aus: „Deutschlands Ernährung muss krisenfest sein. Die Erzeugung, Verarbeitung und der Vertrieb von Lebensmitteln sind dafür essentiell. Mein Dank gilt all jenen, die uns Tag für Tag mit hochwertigen Produkten sicher und zuverlässig versorgen. Lebensmittelsicherheit und Ernährungssicherheit sind beileibe keine Selbstläufer. Sie müssen täglich erarbeitet werden“, so Rainer.

Rainer machte sich zudem erneut für eine modernisierte Notfallreserve stark. Sein Begriff der „Ravioli-Reserve“ war zum Sinnbild einer pragmatischen Krisenvorsorge geworden: „Ich bin ganz froh, dass ich letztes Jahr im Sommer diesen Pflock gesetzt habe. Wir müssen die Notfall-Reserve um sofort verzehrbare Lebensmittel erweitern und stehen dazu im engen Austausch mit dem Handel. Entscheidend ist außerdem, dass die Land- und Ernährungswirtschaft bei Krisenübungen stärker mitgedacht und systematisch mit einbezogen wird.“

Der General warnt: „Das ist keine Sommergrippe“

Besonders eindringlich war der Auftritt von Generalleutnant Gunter Schneider, Hauptabteilungsleiter im Bundesverteidigungsministerium. „Seit fünf Jahren ist die Schlaraffenzeit vorbei. Wir erleben fundamentale Veränderungen. Man könnte von einem Epochenwechsel sprechen.“ Die regelbasierte Ordnung weiche zunehmend dem Recht des Stärkeren.

Politisches Grußwort von Generalleutnant Gunter Schneider – Hauptabteilungsleiter Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung, auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof"Quelle: BVE / Tobias Rücker

 „Der Hauptgegner militärisch ist – und ich sage ‚leider‘ – Russland.“ Russland habe seine Streitkräfte trotz enormer Verluste auf 1,5 Millionen Soldaten ausgebaut, die Landstreitkräfte hätten sich mehr als verdoppelt. Nach nüchterner militärischer Analyse könne Russland bis Ende dieses Jahrzehnts eine großmaßstäbliche Auseinandersetzung mit der NATO führen.

Schneider weiter: „Lebensmittelversorgung wäre genau ein Angriffspunkt für mich als Gegner, wo ich als erstes ansetzen würde. Das wäre eines meiner bevorzugten Einfallstore.“

Schneider machte deutlich, was die Wirtschaft von der Bundeswehr im Ernstfall erwarten kann und was nicht: „Natürlich werden wir uns im Heimatschutz und um unsere eigene verteidigungswürdige kritische Infrastruktur kümmern. Wir werden aber keine Kapazitäten haben, um uns um kritische Infrastruktur auf der zivilen Seite zu kümmern.“ Der Operationsplan Deutschland erfordere zivile Unterstützung in bisher nicht gekanntem Ausmaß: „Wir werden dies allein nicht hinbekommen.“

Die hybride Bedrohung? „Das ist keine Sommergrippe, die kommt und wieder geht. Das wird leider ein Dauerzustand bleiben.“ Sein Schlussappell: „Wir müssen keine Angst haben. Wir müssen nur den Hammer in die Hand nehmen und ordentlich aufs Holz schlagen.“ Und an die Unternehmen im Saal: „Sie sind verteidigungswichtig. Aber auch verteidigungsverantwortlich.“

Die operative Realität: Drohnen, Sabotage, fehlende LKW-Fahrer

Oberst Armin Schaus, Abteilungsleiter für Zivil-Militärische Zusammenarbeit im Operativen Führungskommando der Bundeswehr, konkretisierte, wie nah hybride Bedrohungen bereits an die Versorgungsrealität heranreichen. Als Berlins Stromversorgung sabotiert wurde, fehlten wenig später in Ostberliner Supermärkten Waren im Regal. Der Vorfall habe gezeigt, wie anfällig Lieferketten sind und welche Folgen größere oder sogar deutschlandweite Ausfälle haben könnten.

Schaus beschrieb vier hybride Bedrohungslinien: Desinformation, Cyberangriffe, Ausspähung und Sabotage. Er machte deutlich, dass all das längst Alltag ist: manipulierte QR-Codes auf Mülleimern, die Behördennetze lahmlegen, Drohnenschwärme über kritischer Infrastruktur, GPS-Tracker in Paketen.

Auch die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften ist ein Faktor, den es zu bedenken gilt. Über 60 Prozent der LKW-Fahrer im Fernverkehr kommen aus Litauen, Polen oder Rumänien. Staaten, die bei einer Eskalation an der NATO-Ostflanke möglicherweise als erste ihre Wehrpflichtigen zurückrufen würden. „Wir müssen Szenarien durchdenken, wo wir einen Plan haben müssen, wenn diese Kräfte fehlen.“

Sein Aufruf an die Unternehmen: Resilienzpläne erstellen, Schlüsselpositionen überprüfen, Übungen mitmachen. „Ich freue mich, dass die Lebensmittelindustrie mit dabei ist. Wir müssen es anpacken und gemeinsam machen.“

Panel I: Wie resilient ist unsere Gesellschaft im Ernstfall?

Wie weit ist Deutschland wirklich vorbereitet und wer trägt die Verantwortung dafür? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die erste Paneldiskussion mit Prof. Dr. Gaby-Fleur Böl (Präsidentin des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit), Sebastian Brück (BSI, Referat Krisen-Resilienz), Journalist Christoph Ernesti und der live zugeschalteten Lena Düpont (MdEP, CDU).

Podium 1: „Strukturen, Kommunikation und Verantwortung im Ernstfall“ auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof"Quelle: BVE / Tobias Rücker

Journalist Christoph Ernesti brachte die Perspektive aus der Ukraine mit: Trotz des Krieges gehe das Leben weiter. Menschen passen sich schnell an, organisieren sich, halten Notfalltaschen bereit und schaffen so ein Stück Normalität im Ausnahmezustand. Sein Appell: Die ehrenamtlichen Katastrophenschutzstrukturen der Hilfsorganisationen Johanniter, Malteser, Rotes Kreuz wiederbeleben.

Prof. Böl machte einen blinden Fleck sichtbar: Zwischen Behörden, Bundeswehr und Medien werde intensiv geübt, doch die Bevölkerung aber erreiche man damit kaum. Krisenverhalten müsse so selbstverständlich werden wie das morgendliche Ausschütteln der Schuhe in Australien. Zudem müssten Behörden digitale Glaubwürdigkeit aufbauen, damit sie im Krisenfall gehört werden, zum Beispiel auf Plattformen wie TikTok und Instagram, von denen vor allem junge Menschen ihre Informationen beziehen.

Sebastian Brück vom BSI lieferte nüchterne Zahlen. Zwischen 2024 und 2025 wurden 27 gehaltvolle Cyberangriffe allein auf die kritische Ernährungsindustrie registriert. Im Vergleich zu früheren Zeiträumen ist dies eine deutliche Vervielfachung. Die Lebensmittelkette sei technisch so komplex und vernetzt, dass jedes einzelne Glied ein potenzielles Einfallstor darstelle. Sein Rat: nicht auf die perfekte Lösung warten. „Wir können nicht davon ausgehen, nur Goldrand-Lösungen zu produzieren. Auch 80 Prozent sind absolut valide.“ Wichtig sei, dass jeder sein Zahnrädchen dreht.

Lena Düpont verwies auf europäische Vorbilder: Schweden widmet jedes Jahr eine ganze Woche ausschließlich dem Thema Krisenvorsorge, über Schulen, Unternehmen und Behörden hinweg. Finnland gilt als Goldstandard für ein gesellschaftlich verankertes Risikobewusstsein. Polen integriere Zivilschutzinhalte systematisch in Schulen. „Der wesentliche Punkt ist, sich an allen Enden Gedanken darüber zu machen, was ich selbst dazu beitragen kann, eine resilientere, handlungsfähige Gesellschaft zu werden.“

Panel II: „Energie ist die Achillesferse“

Dr. Gabriel Hahne, Leiter Qualitätsmanagement bei der Metro AG, nannte im zweiten Panel Energie klar die Achillesferse der Krisenvorsorge: „Ohne Energie wird es schwierig. Wir können einen Großmarkt einige Tage ohne Energie betreiben, aber mit Einschränkungen. Kühlen ist im Notstrommodus nicht möglich.“ Die Metro habe deshalb spezielle Programme entwickelt, um Kunden im Ernstfall von anderen Standorten aus weiterbeliefern zu können. Sein Fazit: Lagerkapazitäten und Lieferketten ließen sich durchaus krisenresilienter aufstellen, aber: „Wir sind auf Effizienz getrimmt. Das kostet Geld, darüber muss man reden.“

Dr. Sonja Rosenberg vom Karlsruher Institut für Technologie ergänzte die Forschungsperspektive: Energie sei das zentrale Manko, an dem fast alle Prozesse scheiterten. Dezentrale Lösungen, wie Photovoltaik und Batteriesysteme, könnten langfristig helfen. Ihr ernüchternder Kostenvergleich: Deutschland investiert pro Bürger gerade einmal 33 Cent jährlich in Krisenvorsorge. Finnland und die Schweiz das 25-fache.

Podium 2 auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof": „Versorgungssicherheit – Wie resilient ist die Lebensmittelwirtschaft?“Quelle: BVE / Tobias Rücker

Michael Sauels, Vorstand der Unternehmensgruppe Sauels und Mitglied im Bundesverband Deutscher Wurst- und Schinken-Produzenten, brachte die internationale Perspektive: Seine Kunden in Estland und Finnland lebten Krisenvorsorge als gesellschaftlichen Alltag. Sein Rat an Deutschland: „Nachmachen ist der einfachste Weg zu lernen. Lernen über Erfahrung ist der schmerzhafteste. Lasst uns versuchen, den zu vermeiden.“

Dr. Monika Lahrssen-Wiederholt aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium mahnte die Logistik als unterschätzte Schwachstelle an: Im Spannungsfall werden Straßen gesperrt, LKWs konfisziert, ausländische Fahrer kehren heim. „Wer fährt dann? Das ist ein ganz großes Spannungsfeld.“ Im Krisenfall müsse Pragmatismus vor Perfektionismus gehen, bei Kennzeichnungspflichten ebenso wie bei Mindesthaltbarkeitsdaten und Tierhaltungsstandards.

📸 Das Forum in Bildern:

Begrüßung von René Püchner – Präsident Lebensmittelverband Deutschland, auf dem What the Food-Forum "Crisis-Proof"
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Fazit: Versorgungssicherheit wird zur Daueraufgabe

Deutschlands Lebensmittelversorgung hat sich in den vergangenen Krisen als robust erwiesen. Die Unternehmen haben Notfallpläne entwickelt, Lieferketten diversifiziert und ihre IT- und Sicherheitsstrukturen gestärkt. Sie nehmen ihre Rolle als Teil der kritischen Infrastruktur sehr ernst.

Doch das Forum hat auch die Schwachstellen benannt. Energie bleibt die Achillesferse. Die Logistik ist auf Effizienz getrimmt, nicht auf Reserven. Und gesellschaftlich ist das Bewusstsein für Krisenvorsorge noch längst nicht dort, wo es sein könnte.

Ein zentrales Ergebnis der Diskussion war, dass Resilienz nur im Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Gesellschaft entstehen kann. Das kostet Geld, Zeit und politischen Willen. Aber es ist die Voraussetzung dafür, dass Versorgungssicherheit auch unter außergewöhnlichen Bedingungen gewährleistet bleibt.