Es war ein Koffer voller Gummibärchen, der Engin Ergün auf eine Idee brachte. Weihnachten 2005 steht er an der Zollkontrolle am Düsseldorfer Flughafen und beobachtet einen Mann, dessen Gepäckstück voller Haribo-Tüten ist. Der Mann erklärt, dass seine Nachbarskinder ihn immer bitten, die Süßigkeiten aus der Türkei mitzubringen, weil die deutschen Haribo-Produkte Schweinegelatine enthalten und damit nicht halal sind. Ergün fährt nach Hause, schreibt bis drei Uhr morgens ein Konzept. Und überzeugt kurz darauf den Gummibären-Hersteller aus Bonn, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Ergün kannte seine Zielgruppe, weil er zu ihr gehörte. Sein Vater war als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, er selbst in Datteln aufgewachsen, später BWL studiert. Die Halal-Haribo-Geschichte war für ihn der Einstieg in den Ethnofood-Markt. Mit seiner Agentur und dem später gegründeten Großhandelsunternehmen ethnoIQ begann Ergün, internationale Marken gezielt für migrantisch geprägte Supermärkte zu vertreiben. Heute beliefert das Unternehmen Verkaufsstellen in ganz Europa: von türkischen Lebensmittelläden über Kioske bis zu großen Handelsketten. „Diversity ist kein Trend. In den Regalen ist sie längst Realität“, sagt Ergün beim What The Food Forum „Diversity in the Food Industry“.
Deutschland als kulinarisches Einwanderungsland
Ergüns Geschichte steht exemplarisch für eine Entwicklung, die den deutschen Lebensmittelmarkt seit Jahrzehnten prägt. Zunächst brachten Gastarbeiter aus Italien, der Türkei oder Griechenland ihre Küchen mit. Heute kommen neue Einflüsse aus Osteuropa, Asien oder dem Nahen Osten hinzu. Was früher vor allem in kleinen Spezialgeschäften erhältlich war, gehört inzwischen zum festen Sortiment vieler Supermärkte.
In vielen deutschen Städten haben sich zudem eigene Lebensmittelökosysteme entwickelt: türkische, arabische, asiatische oder osteuropäische Märkte, die zunächst vor allem die jeweilige Community versorgten. Heute sind diese Geschäfte Teil der Nahversorgung. Viele von ihnen wachsen, professionalisieren sich und konkurrieren zunehmend mit klassischen Supermärkten.
Und im Hintergrund wächst die Kundschaft weiter. 21,2 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben laut Statistischem Bundesamt heute in Deutschland. Das ist rund jede vierte Person. Seit 2022 kamen allein 843.000 Ukrainer hinzu. Polen, Rumänen, Syrer, Iraker: Die Einwanderung der vergangenen Jahrzehnte hat die Gesellschaft verändert. Den Supermarkt auch.
Dovgan: Pelmeni, Buchweizen und Eis aus Osteuropa
Ein besonders dynamisches Segment sind Lebensmittel aus Osteuropa. Das Hamburger Unternehmen Dovgan hat sich darauf spezialisiert, Produkte aus den Küchen der Ukraine und der baltischen Staaten in den europäischen Handel zu bringen.
Quelle: nesavinov / Adobe StockDas Sortiment reicht von Pelmeni und Buchweizen über Süßwaren bis zu Speiseeis. Hinter der Marke steht die Hamburger Dovgan GmbH. Ende der 1990er Jahre erwarb sie die Westeuropa-Rechte an der gleichnamigen Marke, die nach dem Fall des Kommunismus zur bekanntesten Privatmarke in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geworden war. Heute umfasst das Sortiment rund 800 Artikel, darunter rund 100 Tiefkühlprodukte. TK-Fertiggerichte stellt Dovgan in Rostock und Lettland her, Eiscreme in der Ukraine und Litauen. Zu den wichtigsten Marken gehören Taschki (Teigtaschen) und Plombir (Speiseeis).
Das Unternehmen steigerte seinen Umsatz 2024 nach eigenen Angaben auf rund 235 Millionen Euro. Das ist ein Plus von etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Tiefkühlgeschäft allein wuchs um 30 Prozent. Das Lager in Rostock ist bereits zu klein geworden, aktuell werden die Kapazitäten ausgebaut.
Türkische Lebensmittel werden Teil des Mainstreams
Wie weit türkische Lebensmittel in den Mainstream vorgedrungen sind, zeigt das Familienunternehmen Yayla. 1979 in Datteln gegründet und heute mit Sitz in Krefeld, begann das Unternehmen mit dem Vertrieb typischer Produkte der türkischen Küche: Tavuk Salam, Süzme Yoğurt, Sucuk. Heute reicht das Sortiment von Milchprodukten über Wurstwaren bis zu Fertigprodukten, alles vollständig halal-zertifiziert. Rund 80 Mitarbeiter produzieren und vertreiben Yayla-Produkte, mit Niederlassungen von den USA bis nach Australien.
Parallel dazu wächst der Markt für halal-zertifizierte Lebensmittel insgesamt. Für viele muslimische Verbraucher sind solche Zertifizierungen Voraussetzung für den Konsum bestimmter Produkte. Doch Halal ist längst kein reines Nischenthema mehr: Ähnlich wie Bio oder vegan gilt die Zertifizierung für einen wachsenden Teil der Bevölkerung als Qualitätssignal.
Ethnofood im Sortiment globaler Lebensmittelhersteller
Auch große Lebensmittelkonzerne reagieren auf den wachsenden Ethnofood-Trend, indem sie internationale Küchen in ihr Produktsortiment integrieren und für den Massenmarkt zugänglich machen. Typische Gerichte aus etwa der asiatischen, mexikanischen oder indischen Küche werden dabei häufig als leicht zuzubereitende Produkte wie Saucen, Gewürzmischungen oder Fertiggerichte angeboten.
Unternehmen wie Unilever vermarkten beispielsweise asiatisch inspirierte Wok-Saucen und Curryprodukte, während Nestlé internationale Gerichte wie Thai-Curry oder Chicken Tikka Masala als Fertiggerichte anbietet. Auch General Mills greift den Trend mit mexikanisch geprägten Produkten wie Taco-Kits oder Tortillas auf. Auf diese Weise integrieren große Hersteller internationale Geschmackseinflüsse in ihr Portfolio, passen die Rezepturen jedoch meist an die Geschmacksvorlieben der jeweiligen Absatzmärkte an.
Food-Startups bringen frische Ideen
Neben den etablierten Unternehmen drängen zunehmend junge Gründerinnen und Gründer mit Migrationsgeschichte in den Markt und bringen dabei einen entscheidenden Vorteil mit: Sie kennen ihre Zielgruppe, weil sie zu ihr gehören.
An unserem Stand auf der Grünen Woche war in den letzten Jahren zu sehen, was dabei entsteht: Harissa & Co aus Köln bringt traditionelle tunesische Harissa in deutsche Supermärkte. Tsarona aus Berlin entwickelt Protein-Snacks auf Basis afrikanischer Kulturpflanzen wie Bambara-Erdnüssen und erschließt damit eine ganz neue Zutatenwelt. Bebisko wiederum schließt mit halal-zertifizierter Babynahrung eine Lücke im deutschen Lebensmittelmarkt.
Social Media, Popkultur und Korea-Trend
Ein weiterer Treiber für internationale Food-Trends sind soziale Medien. Plattformen wie TikTok oder Instagram verbreiten kulinarische Trends in rasantem Tempo. Ein aktuelles Beispiel ist der Boom der koreanischen Küche. Gerichte wie Kimchi, Ramyeon oder koreanisches Streetfood erreichen über Social Media Millionen Nutzer und landen kurze Zeit später im Sortiment des Lebensmittelhandels.
Quelle: AntAlexStudio / Adobe StockSo liefen in einer Fabrik im hessischen Nidderau noch bis vor wenigen Jahren Kohlrouladen vom Band. Heute rollen täglich bis zu zwei Millionen Gyoza-Dumplings durch die Anlage. Die Firma heißt inzwischen CJ Mainfrost, das CJ steht für den koreanischen Konzernpartner. Geschäftsführer Onne Beckmann war auf einer Reise von der koreanischen Küche begeistert, knüpfte Kontakte, 2017 liefen die ersten Teigtaschen unter der Marke Bibigo vom Band. Seither wächst das Unternehmen um rund 40 Prozent pro Jahr.
Was den Korea-Trend trägt, ist nicht allein die eingewanderte Community, sondern die sogenannte Hallyu-Welle, also der weltweite Erfolg von K-Pop, K-Dramen und K-Beauty. Bei Kreyenhop & Kluge, einem der führenden Importeure asiatischer Lebensmittel, hat sich der Umsatz mit koreanischen Produkten zwischen 2022 und 2024 mehr als verdoppelt. Korea ist dort heute die Nummer zwei im Asia-Portfolio, direkt hinter Thailand. Was einst nur in Asia-Märkten zu finden war, steht inzwischen bei den großen Supermärkten im Regal.
„Die jüngere Generation wächst mit diesen Produkten auf. Genau wie die japanische oder thailändische Küche wird auch Korea dauerhaft bleiben“, sagte Isabella Güstrau, Head of Marketing bei Kreyenhop & Kluge, der Lebensmittel Zeitung.
Handel professionalisiert sich: Die ESAS Group
Während Hersteller den Markt von der Produktseite her entwickeln, zeigt die ESAS Group, wie sich der Ethnofood-Handel professionalisiert. Das Unternehmen beliefert heute über 700 Ethno-Supermärkte mit mehr als 20.000 Artikeln aus einer Hand: von internationalen Markenartiklern bis zu türkischen A-Marken und Drogerieartikeln.
Gegründet im Jahr 2019, hat ESAS eine simple Lücke geschlossen: Türkische, arabische und Balkan-Supermärkte mussten bislang Dutzende Lieferanten koordinieren. Produkte mit Schweinefleisch oder Alkohol werden im System vorgefiltert. Religiöse Anforderungen sind kein Sonderwunsch, sondern Grundeinstellung. Die Lüning Gruppe, ein etablierter Lebensmittelgroßhändler, ist Mitgesellschafter. Dass große Markenartikler den Kanal inzwischen nutzen, zeigt das Beispiel Ferrero. Das Unternehmen setzte ESAS bereits für Aktionen zum islamischen Zuckerfest ein, 2025 in rund 300 Märkten.
Quelle: sonyakamoz / Adobe StockMehr Vielfalt im Regal, neue Chancen im Markt
Der Ethnofood-Markt zeigt, wie stark sich Gesellschaft und Wirtschaft gegenseitig beeinflussen. Migration verändert nicht nur Städte und Arbeitsmärkte, sondern auch den Speiseplan. Neue Marken entstehen aus persönlichen Geschichten, aus kulinarischer Heimatverbundenheit und aus dem Wunsch, traditionelle Produkte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Gleichzeitig beschleunigen globale Trends diese Entwicklung. Social Media, internationale Popkultur und eine wachsende Mobilität sorgen dafür, dass neue Geschmäcker schneller als je zuvor in den Alltag der Verbraucher gelangen. Der deutsche Lebensmittelmarkt wird internationaler. Für die Ernährungsindustrie bedeutet das: mehr Vielfalt im Sortiment, mehr Möglichkeiten und mehr Wettbewerb im Regal.

