Menstruations-Kekse, Pilz-Jerky und Rübenfisch: Was Studierende als Lebensmittel der Zukunft entwickeln

Beim 17. TROPHELIA-Wettbewerb in Bonn überzeugte ein Team der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe mit einem Snack gegen Periodenbeschwerden. Doch so kreativ die Ideen auch sind, in den Supermarkt schaffen es die wenigsten. BVE-Pressesprecher Oliver Numrich war als Juror dabei und erklärt, warum Geschmack am Ende immer noch König ist.

Siegerprodukt Cycle Bites gewinnt Trophelia Deutschland 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Sechs Teams, ein Wettbewerb und unzählige Stunden in Uni-Laboren: Beim diesjährigen TROPHELIA-Finale in Bonn haben Studierende der Lebensmittelwissenschaften wieder bewiesen, dass der Innovationsgeist des Lebensmittelnachwuchses ungebrochen ist. Den Sieg holte sich ein Team aus Detmold mit einer Produktidee, die eine sehr konkrete Lücke im Markt schließen will: Kekse gegen Menstruationsbeschwerden.

Der Ideenwettbewerb, den der Forschungskreis der Ernährungsindustrie e. V. (FEI) zum 17. Mal ausgerichtet hat, gilt als eine der renommiertesten Bühnen für den lebensmitteltechnologischen Nachwuchs in Deutschland. Das Prinzip ist so simpel wie anspruchsvoll: Studierende entwickeln ein marktreifes Lebensmittelkonzept, von der Rezeptur über die Verpackung bis zur Marktpositionierung, und stellen es einer hochkarätigen Fachjury vor.

„Cycle Bites“: Der Keks, der mehr können soll als satt machen

Das Siegerprodukt des Jahrgangs 2026 heißt „Cycle Bites“ und stammt von vier Lebensmitteltechnologiestudentinnen der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe: Maike Fraune, Daria Schlüter, Juliana Schröter und Jacqueline Steinwedel. Ihre Idee: ein veganer Bio-Keks, angereichert mit pflanzlichen Wirkstoffen wie Frauenmantel, Schafgarbe und Gänsefingerkraut, also allesamt Kräuter, denen in der Naturheilkunde seit Jahrhunderten eine krampflösende und schmerzlindernde Wirkung bei Menstruationsbeschwerden zugeschrieben wird.

Der Marktansatz ist überzeugend, schließlich leiden 67 Prozent der menstruierenden Personen in Deutschland regelmäßig unter Periodenbeschwerden. Das bisherige Angebot beschränkt sich weitgehend auf Schmerzmittel oder Teeaufgüsse, wenig alltagstauglich für eine Generation, die auch unterwegs versorgt sein will. „Cycle Bites“ greifen zudem das ohnehin gesteigerte Verlangen nach Snacks während der Menstruation auf und kombinieren Genuss mit funktionalem Mehrwert. Die Verpackung ist vollständig recycelbar.

Die Jury zeigte sich überzeugt. Martin Ammann, Sprecher des Gremiums, lobte die Teilnehmerteams dafür, dass sie sich den echten Herausforderungen gestellt hätten: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, die gut klingt und – nicht funktioniert! Die jungen Entwickler-Teams haben sich der kompletten Herausforderung Nachhaltigkeit, Gesundheit und Lebensmittelsicherheit – und nicht einer scheinbar einfachen Lösung – gestellt“

Das Siegerteam erhält neben dem mit 2.000 Euro dotierten ersten Preis auch das Ticket nach Paris. Im Oktober vertreten die vier Studentinnen Deutschland beim europäischen Finale ECOTROPHELIA, das am 18. und 19. Oktober in der französischen Hauptstadt stattfindet.

Pilz-Jerky, Rübenfilet und Biertreber-Flips: Die anderen Finalisten

Doch auch die übrigen Teams hatten bemerkenswerte Ideen im Gepäck. Den zweiten Platz belegte das Team der Hochschule Fulda mit „Snicks“: ein veganer Proteinriegel in Stickform auf Soja- und Weizenproteinbasis, der Möhren verarbeitet und als Nebenstrom den Trester der Guayusa-Pflanze nutzt, ein Abfallprodukt aus der Getränkeherstellung, das Koffein und Theobromin enthält. Eine Portion soll zwei von fünf täglich empfohlenen Gemüseportionen abdecken.

Zweitplatzierter Snack Snicks beim Trophelia-Wettbewerb 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Platz drei ging an die Hochschule Bremerhaven: „Happy Beans Classic Muffins“ ist eine Backmischung auf Ackerbohnenbasis mit Tröpfchen aus einer kakaofreien Schokoladenalternative auf Sonnenblumenbasis. Regional, vegan, nachhaltig und offenbar auch backfertig überzeugend.

Happy Beans Muffin-Backmischung erreicht Platz drei bei Trophelia 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Besonders aufsehenerregend war der Innovations-Sonderpreis, der an ein Team der Technischen Universität Berlin vergeben wurde. Deren „Protein Bites“ sind ein fermentiertes, veganes Trockenprodukt auf Basis von Mykoprotein, also Pilzmyzel. Durch kontrolliertes Wachstum von Rhizopus-Schimmelpilzen entsteht eine faserige, fleischähnliche Textur, die sensorisch an getrocknetes Rindfleisch erinnern soll.

Protein Bites der TU Berlin erhalten Innovations-Sonderpreis bei Trophelia 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Ein zweites TU-Berlin-Team präsentierte das „Druckrüben Filet“: eine pflanzliche Fischalternative aus Zuckerrübenschnitzeln, die als Upcycling-Abfallprodukt der Zuckerindustrie anfallen und durch Hochdruckbehandlung eine erstaunlich fischähnliche Textur erhalten sollen.

Druckrüben Filet zeigen Upcycling-Innovationen bei Trophelia 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Ein drittes Team der TU Berlin schließlich präsentierte „NutriCrunch“: extrudierte Snack-Flips auf Basis von Erbsenproteinisolat und getrocknetem Biertreber, einem Nebenprodukt der Brauindustrie. Besonders ungewöhnlich am Konzept: „NutriCrunch“ ist nicht als fertiger Snack gedacht, sondern als neutrale, vielseitig einsetzbare Produktbasis, die je nach Anwendung weiterverarbeitet werden kann, ob als knuspriger Snack, als Granola-Zutat oder als pflanzliche Fleischalternative in herzhaften Gerichten.

Druckrüben Filet und NutriCrunch zeigen Upcycling-Innovationen bei Trophelia 2026Quelle: Michaela Wohlleber

Forscherdrang trifft Marktrealität

Für die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) war Oliver Numrich, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, als Jurymitglied dabei. Er verfolgt den Wettbewerb mit echter Begeisterung, aber auch mit realistischem Blick auf das, was aus solchen Ideen wird.

„Ich freue mich über die Kreativität und den Enthusiasmus der Studenten, die an unserem Wettbewerb teilnehmen. Sie wagen sich an neue Verfahrenstechniken oder stürzen sich auf Nebenströme wie Biertreber, Guayusa-Trester oder Zuckerrübenschnitzel, die bisher nicht für die menschliche Ernährung genutzt werden“, sagt Numrich. „Auch wenn das Ergebnis dann oft gänzlich anders schmeckt, als das Exposé vermuten ließ, begeistert mich der Forscherdrang und die Unbefangenheit, mit der im Team so etwas erarbeitet und ausprobiert wird.“

Wer nun hofft, „Cycle Bites“ oder „Druckrüben Filet“ demnächst im Regal des nächsten Supermarkts zu finden, wird allerdings enttäuscht sein. Die Marktreife ist für die allermeisten Wettbewerbsprodukte eine Zukunftsvision. „Bisher haben es nur ganz vereinzelt Prototypen in die Regale der Einzelhändler geschafft“, so Numrich.

Die Gründe dafür sind vielfältig: „Erstens zerfallen viele der Bewerberteams im Anschluss an den Wettbewerb wieder. Zweitens sind viele Prozesse zu kostspielig oder nicht skalierbar für den Massenmarkt. Und drittens muss man ehrlicherweise sagen, dass die Produkte auch oft vom Geschmack her nicht marktgängig wären.“ Der Wettbewerb priorisiere Innovation und Nachhaltigkeit, doch das seien nicht die Hauptentscheidungskriterien der Verbraucher im Alltag. „Da zählt erstens der Geschmack und zweitens der Preis. Alle anderen Aspekte wie Haltbarkeit, Convenience, Herkunft oder eben Nachhaltigkeit kommen weit dahinter.“

Talentschmiede für die Lebensmittelbranche

Finalistenteams und Jury bei der Preisverleihung des Trophelia-Wettbewerbs 2026 in BonnQuelle: Michaela Wohlleber

Trotzdem ist der Wettbewerb alles andere als vergebliche Liebesmüh. TROPHELIA ist nicht nur ein Kreativwettbewerb, sondern eine Talentschmiede: Wer hier antritt, hat in kurzer Zeit gelernt, was in der Lebensmittelindustrie täglich gefordert wird, vom Rohstoff bis zur Verpackung, von der Rezeptur bis zur Kommunikation. Und gelegentlich, so zeigt die Geschichte des Formats, entstehen aus Wettbewerbsideen tatsächlich Produkte, die es in den Markt schaffen.

In diesem Jahr liegt die Hoffnung auf dem Menstruationskeks. Im Oktober wissen wir, wie er sich gegen die europäische Konkurrenz schlägt.

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