Kosten treiben deutsche Unternehmen ins Ausland

Deutsche Unternehmen haben ihre Direktinvestitionen im Ausland seit 2010 mehr als verdoppelt. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: Zunehmend stehen dabei niedrigere Kosten statt neuer Absatzmärkte im Vordergrund. Für den Standort Deutschland ist das ein Warnsignal.

Karamellriegel auf einem FließbandQuelle: Ольга Апанасенко / Adobe Stock

1.689 Milliarden Euro. So viel Kapital hatten deutsche Unternehmen Ende 2024 in Fabriken, Niederlassungen und Beteiligungen im Ausland investiert. 2010 waren es noch rund 832 Milliarden Euro. Hinter dieser Summe stehen Zehntausende Tochterunternehmen mit Millionen Beschäftigten.

Die Zahlen stammen aus dem IW-Report „Deutsche Auslandsinvestitionen und die Standortdebatte“, den die Ökonomen Samina Sultan und Jürgen Matthes am 6. Oktober veröffentlicht haben. Die Untersuchung basiert auf Daten der Deutschen Bundesbank.

Auslandsinvestitionen sind für sich genommen kein schlechtes Zeichen. Unternehmen, die vor Ort produzieren, erschließen Märkte und stärken häufig auch die Exporte aus Deutschland. Ausschlaggebend ist jedoch das Motiv. Und hier zeichnet sich eine Verschiebung ab.

USA an der Spitze, China mit dem größten Zuwachs

Die Vereinigten Staaten sind das wichtigste Ziel deutscher Investoren. Gut ein Viertel der gesamten Auslandsbestände entfällt auf die USA. Den stärksten Zuwachs verzeichnete allerdings China. Seit 2010 sind die deutschen Investitionen dort um 281 Prozent gestiegen, stärker als in jedem anderen wichtigen Zielland. Seit 2022 gehen die Bestände jedoch leicht zurück.

Den größten Anteil stellt die Industrie, wobei die einzelnen Branchen unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Die Autoindustrie ist eng mit China verbunden. Die Chemie hat ihren Schwerpunkt in die USA verlagert. Dort liegt inzwischen fast die Hälfte ihrer Auslandsinvestitionen. Als mögliche Erklärung nennt das IW die niedrigeren Energiekosten.

Die Ernährungsindustrie wird in der Studie nicht separat betrachtet. Die vom IW genannten Rahmenbedingungen betreffen sie jedoch ebenso wie andere Industriezweige.

Kosten rücken vor Märkte

Der zentrale Befund betrifft die Investitionsmotive. Einer DIHK-Umfrage zufolge ist Kostenersparnis in diesem Jahr erstmals seit 2008 wieder der wichtigste Grund für Investitionen im Ausland. 41 Prozent der Industrieunternehmen nennen sie als Hauptmotiv. Als größter Kostentreiber am Standort Deutschland gelten die Arbeitskosten.

IW-Ökonomin Samina Sultan fasst den Zusammenhang so zusammen: „Schrumpfen die Margen, verlagern Unternehmen ihre Produktion verstärkt in Länder mit niedrigeren Löhnen.“

Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Investitionen im Inland aus. Bis 2023 planten Unternehmen mit Auslandsprojekten zugleich überdurchschnittlich hohe Investitionen in Deutschland. Seit 2024 hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Besonders ausgeprägt ist die Diskrepanz in der Industrie: Während ihre Auslandsbestände seit 2010 um 123 Prozent zunahmen, wuchs der heimische Kapitalstock real lediglich um 17 Prozent.

Auch im Handel zeigen sich unterschiedliche Entwicklungen. In den USA legten Exporte und Investitionen weitgehend parallel zu. In China blieben die Ausfuhren hingegen deutlich hinter dem Investitionswachstum zurück. Die Autoren sehen darin einen Hinweis, dass die Produktion vor Ort zunehmend Exporte aus Deutschland ersetzt.

US-Zölle lösen bislang keinen Investitionsschub aus

Mit seiner Zollpolitik wollte US-Präsident Donald Trump ausländische Unternehmen dazu bewegen, in den USA zu produzieren. Bei deutschen Firmen lässt sich dieser Effekt bislang nicht feststellen. Nach vorläufigen Daten flossen im ersten Halbjahr 2026 rund 80 Prozent weniger neue Investitionen in die USA als im ersten Halbjahr 2024. Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass die Werte stark schwanken und häufig nachträglich korrigiert werden.

Forderungen für einen stärkeren Standort

Für die Autoren ist die wachsende Bedeutung des Kostenmotivs ein Alarmzeichen. Ihre zentrale Empfehlung an die Politik lautet, die Kostenbelastung am Standort Deutschland zu senken, insbesondere bei Bürokratie, Energie und Arbeit. Gleichzeitig solle die EU ihren Binnenmarkt durch weniger Handelshemmnisse attraktiver machen.

Auch die Ernährungsindustrie fordert bessere Bedingungen für Investitionen am heimischen Standort. Marcel Winter, Leiter des BVE-Büros in Brüssel, erklärt: „Die deutsche Ernährungsindustrie verzeichnet seit Längerem einen strukturellen Rückgang der heimischen Produktionsmengen. Diese Entwicklung ist umso alarmierender, da die große Mehrheit der Lebensmittelhersteller die hiesigen Standortbedingungen inzwischen als massiv verschlechtert und weniger international wettbewerbsfähig einstuft und infolgedessen wichtige Investitionen zurückhält. Um dem schleichenden Verlust der heimischen Wertschöpfung entgegenzuwirken, fordert die Branche von der Politik einen deutlichen Bürokratieabbau sowie verlässliche, wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen.“

Gegenüber China plädieren die Forscher für einen härteren Kurs. Sie empfehlen Ausgleichszölle auf nachweislich subventionierte Importe, mehr Druck gegen Lokalisierungsauflagen und eine klare Botschaft an Unternehmen, dass sie im Konfliktfall nicht auf staatliche Rettung zählen können.

Das IW verweist zugleich auf eine gegenläufige Entwicklung. Ausländische Unternehmen haben zuletzt wieder mehr in Deutschland investiert. Das Interesse am Standort ist also da. Die Frage ist, zu welchen Kosten.

Made in Germany? – Das What The Food-Forum 2026

Wie Wettbewerbsfähigkeit, Standortpolitik und die Zukunft der Lebensmittelherstellung zusammenhängen, diskutiert die BVE beim What The Food-Forum am Mittwoch, 25. November 2026, von 10 bis 14:30 Uhr in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Markgrafenstraße 38, 10117 Berlin.

>> Mehr erfahren

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Einmal im Monat geben wir Einblicke in aktuelle Themen, politische Entwicklungen und Hintergründe der deutschen Ernährungsindustrie.