Als Jürgen Trittin im Jahr 2003 als Bundesumweltminister die Pfandpflicht für Einweggetränkeverpackungen durchsetzte, war der Widerstand aus Industrie und Handel erheblich. Das Gesetz kam trotzdem. Und mit ihm eine große Aufgabe. Ein funktionierendes Rücknahmesystem für Milliarden von Flaschen und Dosen musste schnell und verlässlich aus dem Boden gestampft werden.
Zwanzig Jahre später zieht die Branche eine durchweg positive Bilanz. Am 17. Juni 2026 feierte die Deutsche Pfandsystem GmbH (kurz DPG) ihr Jubiläum am Berliner Spreeufer, vor rund 200 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Was 2006 als pragmatischer Neustart in Betrieb ging, gilt heute in der EU als Maßstab.
Entstehung aus der Not
Mit der Pfandpflicht ab 2003 und der erweiterten Rücknahmepflicht zum 1. Mai 2006 stand die gesamte Getränkebranche vor einem praktischen Problem: Wer eine Flasche kauft, kann sie überall zurückgeben, nicht nur dort, wo er sie gekauft hat. Ohne ein zentrales System zum Ausgleich dieser Zahlungsflüsse wäre der Verkauf von Einweggetränken schlicht nicht mehr möglich gewesen. BVE und HDE zogen daraus die Konsequenz und gründeten 2005 gemeinsam die DPG.
Peter Feller, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der BVE, beschreibt die Lage damals so: „Ohne ein zentrales Pfand-Clearing, also den organisierten Ausgleich der Pfandguthaben zwischen Herstellern und Händlern, war es nicht möglich, Getränke, wie zum Beispiel Bier, Mineralwasser und Softdrinks in Einwegflaschen und -dosen zu vertreiben. Es musste deshalb mit Schnelligkeit und Gründlichkeit ein entsprechendes System konzipiert und aufgestellt werden, das den Vertrieb von bepfandeten Einwegverpackungen ermöglicht. Denn die Geschäftstätigkeit sowohl der Getränkehersteller als auch des Lebensmittelhandels war erheblich beeinträchtigt.“
So gründeten Handel und Industrie, vertreten durch ihre Spitzenverbände, HDE und BVE, gemeinsam und paritätisch die DPG. Seit Mai 2006 ist das System in Betrieb.
Quelle: industrieblick / Adobe StockDie Zahlen sprechen für sich
Mit Rücklaufquoten von 96 Prozent und mehr, 20 Milliarden Verpackungen jährlich im Kreislauf, mehr als 1.000 angeschlossene Unternehmen ist das deutsche Einwegpfandsystem heute das größte seiner Art in der Europäischen Union. Jährlich werden rund fünf Milliarden Euro an Pfandgeldern zwischen Herstellern und Händlern verrechnet. Die meisten Verbraucher geben regelmäßig ihre Flaschen ab und ahnen nicht, welches logistische Großprojekt dabei im Hintergrund läuft.
Ein zentrales Element ist die Sicherheitskennzeichnung, die die DPG gemeinsam mit der Bundesdruckerei entwickelt hat. Nur zertifizierte Druckereien dürfen das Pfandemblem verwenden. Ohne diesen Schutz wäre Missbrauch kaum zu verhindern. Wer ein gefälschtes Pfandzeichen auf eine nicht bepfandete Flasche druckt, könnte sich sonst problemlos 25 Cent erschleichen.
Die operative Umsetzung liegt bei den Marktteilnehmern selbst. Die DPG schafft den Rahmen, greift aber nicht in die Pfand- und Warenströme ein. Dieses Prinzip hat sich als tragfähig erwiesen.
Susanne Kürschner, Geschäftsführerin der DPG, erklärt die Stärke des Systems so: „Das deutsche Einwegpfandsystem ist so leistungsfähig und zugleich schlank, weil es alle Marktteilnehmer angemessen und mit ihren Stärken beteiligt.“ Dazu trage vor allem die von der DPG entwickelte Sicherheitskennzeichnung bei, die einheitliche Standards schafft und die Verlässlichkeit der Rücknahme für alle Beteiligten gewährleistet.
Die Rolle der Ernährungsindustrie
Die BVE war nicht nur Gründungsgesellschafterin der DPG, sondern begleitet das System bis heute aktiv. Über den Beirat bringen Vertreter der Ernährungsindustrie ihre Perspektive kontinuierlich in die Weiterentwicklung ein. Feller beschreibt dessen Aufgabe so: „Dem Beirat gehören exponierte und sachkundige Unternehmensvertreter von Industrie und Handel an, die mit ihrem Know-how dafür Sorge tragen, dass das Pfandsystem den Entwicklungen und Herausforderungen des Marktes Rechnung trägt.“
Quelle: chitsanupong / Adobe StockKürschner bestätigt: „Die enge Zusammenarbeit von Industrie und Handel in diesem Gremium ist ein wesentlicher Grund dafür, dass sich das Deutsche Pfandsystem seit 20 Jahren kontinuierlich und erfolgreich weiterentwickelt.“
Diese Einbindung war auch bei der bisher größten Systemerweiterung entscheidend. Zum 1. Januar 2024 wurde die Pfandpflicht auf Milch- und Milchmischgetränke in Einwegkunststoffflaschen ausgeweitet. „Bei jeder Systemerweiterung ist die Zusammenarbeit mit den Herstellern von zentraler Bedeutung“, sagt Kürschner. „Die Erweiterung auf Milch- und Milchmischgetränke hat gezeigt, wie wichtig dabei der enge Austausch zwischen DPG, Industrie und Handel ist, um die Umsetzung gemeinsam vorzubereiten und einen reibungslosen Übergang zu sichern.“
Anerkennung aus Berlin und Brüssel
Zur Jubiläumsfeier schickte auch Jessika Roswall, EU-Kommissarin für Umwelt und wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft, eine Grußbotschaft. Roswall ist Schwedin und kommt damit aus einem Land, das zu den Pionieren der Pfandsysteme in Europa gehört. Antje von Broock, Leiterin der Abteilung Kreislaufwirtschaft im Bundesumweltministerium, war persönlich vor Ort und bezeichnete das Pfandsystem als „Erfolgsprojekt, was es zu erhalten gilt“.
Auch der HDE, Mitgründer und ständiger Partner der DPG, zieht eine positive Bilanz. „Maßgeblich zum Erfolg der DPG beigetragen hat, dass sie in den vergangenen Jahren stets zügig auf die sich ändernden Gegebenheiten am Markt reagiert hat“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Für die Unternehmen ist die DPG ein verlässlicher Partner, der ein schlankes, effizientes und wirtschaftlich tragfähiges System etabliert hat.“
Ein Modell für Europa
Andere EU-Länder studieren ebenfalls das deutsche Modell. Mit der neuen EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und dem Sammelziel von 90 Prozent für Einweggetränkeverpackungen stehen viele Mitgliedsstaaten vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland 2003. Österreich führte im Januar 2025 ein Einwegpfand ein, Länder wie die Slowakei und Rumänien folgten.
Feller sieht die DPG dabei als Referenz: „Sie stellt eine Blaupause für die Inverkehrbringer in anderen EU-Mitgliedsstaaten dar, die aufgrund EU-rechtlicher Vorgaben nunmehr ebenfalls zur Pfanderhebung verpflichtet werden. Diese können an der erfolgreichen Entwicklungsarbeit und den Erfahrungen der DPG partizipieren.“
Das System hat sich als anpassungsfähig erwiesen. Kürschner sieht die DPG gut aufgestellt: „Nach der Aufbauleistung ist es uns gemeinsam mit unseren Partnern immer wieder gelungen, das DPG-Pfandsystem nicht nur stabil zu halten, sondern es noch leistungsfähiger aufzustellen – resilient, zukunftsfähig und skalierbar. Das nehmen wir mit in den Austausch über langfristige, tragfähige Lösungen in ganz Europa.“
Aus einer politischen Pflicht ist in zwanzig Jahren gut funktionierende Infrastruktur geworden. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

