Netzentgelt-Reform: „Wer Elektrifizierung fordert, darf Betriebe nicht ausbremsen“

Ein Bündnis aus 17 Verbänden der Ernährungsindustrie warnt vor Fehlanreizen bei der geplanten Reform der Netzentgelte. Investitionen in Elektrifizierung und Flexibilität dürften nicht durch neue Regeln gebremst werden, heißt es in einem gemeinsamen Positionspapier.

Hochspannungsleitungen und Strommasten über einem grünen Feld vor bewölktem HimmelQuelle: Lenslife / Adobe Stock

Die Bundesnetzagentur arbeitet seit Sommer 2025 an einem grundlegend neuen System zur Berechnung der Stromnetzentgelte, bekannt unter dem Kürzel AgNes. Ziel ist es, Netzkosten künftig dort zu veranschlagen, wo sie entstehen, und Anreize für einen flexibleren Umgang mit Strom zu schaffen. Für die Ernährungsindustrie, die für rund zehn Prozent des industriellen Energieverbrauchs in Deutschland verantwortlich ist, steht dabei viel auf dem Spiel.

Die Verbändeallianz Energieintensive Ernährungsindustrie, ein Zusammenschluss von 17 Wirtschaftsverbänden, hat sich mit einem gemeinsamen Positionspapier zu Wort gemeldet und mahnt zur Vorsicht. Falsche regulatorische Anreize gefährden notwendige Investitionen in Elektrifizierung, Eigenversorgung und Flexibilität der Betriebe. Die Allianz fordert eine Netzentgeltsystematik, die tatsächliche Netzdienlichkeit honoriert und mittelständische Unternehmen fair behandelt.

„Die Netzentgeltreform ist nicht nur eine energiepolitische, sondern auch eine industrie- und versorgungspolitische Schlüsselentscheidung. Wer Elektrifizierung politisch fordert, darf Unternehmen nicht gleichzeitig über die Netzentgelte ausbremsen. Die Reform muss Investitionen in klimafreundliche Technologien anreizen und netzdienliches Verhalten gezielt honorieren. Nur so lassen sich Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Klimaschutz gleichermaßen stärken“, erklärt Dr. Bernhard J. Simon, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.

Im Zentrum des Papiers stehen sechs Kernforderungen.

Forderungen an die Politik

Keine starren Verbrauchsschwellen

Die Allianz lehnt Überlegungen strikt ab, den Zugang zu Übergangsregelungen auf eine Mindestabnahme von 10 GWh/a zu beschränken. Dies würde mittelständische Betriebe von essenziellen Entlastungen ausschließen.

Praxistaugliches Zwei-Säulen-Modell für Flexibilität

Die bisherigen Vorschläge werden der Vielfalt der Industrieprozesse nicht gerecht. Die Allianz fordert ein Modell aus zwei Nachweisoptionen: Es braucht sowohl eine „Zertifizierte Flexibilität“ für Betriebe mit verfahrenstechnisch geringerer Prozessflexibilität als auch einen unbürokratischen Zugang zu „Flexiblen Netzentgelten“ bei direkter Reaktion auf Netzsignale. Zudem müssen Lastverschiebung, Lastzuschaltung und Stromeinspeisung als gleichwertige netzdienliche Leistungen anerkannt werden.

Eigenversorgung und hybride Anlagen absichern

Bestehende Investitionen in hocheffiziente Eigenerzeugungsanlagen (PV, KWK) sowie Speicherlösungen benötigen Bestandsschutz. Zudem müssen Strommengen, die über Power-to-Heat und hybride Systeme netzdienlich flexibilisiert werden, gezielt von Netzentgelten befreit werden.

Planungssicherheit durch verlässliche Übergangsfristen

Industrielle Investitionszyklen umfassen Zeiträume von bis zu zwanzig Jahren. Es braucht eine verlässliche Übergangsfrist von zehn Jahren für alle Bestandsnutzer der Bandlast- und Atypik-Regelungen ohne diskriminierende GWh-Grenzen.

Erhalt des industriellen Poolings

An komplexen Verbundstandorten muss die gemeinsame netzentgeltliche Bewertung mehrerer Übergabestellen zwingend erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

Verpflichtende Probe-Preisblätter

Tiefgreifende Änderungen dürfen nicht ohne belastbare Datenbasis erfolgen. Die Netzbetreiber müssen noch in 2026 verlässliche Probe-Preisblätter vorlegen, um die finanziellen Folgen vor einer endgültigen Entscheidung transparent offenzulegen.

„Starke Partner der Energiewende“

Unterstützung für die Forderungen kommt auch aus der ölsaatenverarbeitenden Industrie. OVID-Präsidentin Jaana Kleinschmit von Lengefeld verweist auf Potenziale bei der Flexibilisierung industrieller Prozesse: „Besonders bei der Prozesswärme haben wir in der energieintensiven Ernährungsindustrie große Potentiale in der Flexibilisierung. Die Netzentgelte können Anreiz schaffen, in hybride Anlagen und thermische Speicher zu investieren. Hierdurch werden unsere Unternehmen in die Lage versetzt, flexibel zwischen Gas und Strom zu wechseln und so einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilität sowie zur Senkung der Netzentgelte zu leisten. Wir sind starke Partner der Energiewende!“, betont Kleinschmit von Lengefeld. „Diese Potenziale müssen gefördert und dürfen nicht durch neue Hürden und ungeeignete Netzentgelte blockiert werden.“

Hintergrund

Die deutsche Ernährungsindustrie sichert die flächendeckende Versorgung in Deutschland und Europa. Mit knapp 6.100 Betrieben, einem Jahresumsatz von rund 241 Milliarden Euro und mehr als 670.000 Beschäftigten ist sie nach Umsatz der drittgrößte Industriezweig Deutschlands.

Als stark mittelständisch geprägte Branche, in der rund 90 Prozent dem KMU-Sektor angehören, verantwortet sie etwa zehn Prozent des industriellen Energieverbrauchs und weist den drittgrößten Strombedarf des verarbeitenden Gewerbes auf.

Laut Fraunhofer ISI-Studie „FlexErnährungsindustrie“ ist die Elektrifizierung vieler Prozesse technisch machbar. Hohe Energiekosten und fehlende Investitionssicherheit bremsen die wirtschaftliche Umsetzung jedoch aus.

Die Allianz Energieintensive Ernährungsindustrie ist ein Zusammenschluss von 17 Verbänden. Diese Branchen verfügen über energieintensive Produktionsprozesse und sichern täglich die Versorgung mit Lebensmitteln. Dazu gehören:

  • Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure e. V. (BSI)
  • Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e. V. (BDSI)
  • Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie e. V. (BOGK)
  • Bundesverband spezielle Lebensmittel (DIÄTVERBAND) e. V.
  • Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V. (BVE)
  • Deutscher Brauer-Bund e. V.
  • Deutscher Mälzerbund e. V. (dmb)
  • Deutscher Verband der Hefeindustrie e. V.
  • Deutsches Tiefkühlinstitut e. V. (dti)
  • Fachverband der Gewürzindustrie e. V.
  • Kulinaria Deutschland e. V.
  • Milchindustrie-Verband e. V. (MIV)
  • OVID Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland e. V.
  • Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie e. V. (VdF)
  • Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e. V.
  • Verband Deutscher Großbäckereien e. V.
  • Verein der Zuckerindustrie e. V. (VdZ)

Fazit der Verbändeallianz

Die Reform der Netzentgelte entscheidet maßgeblich darüber, ob die Elektrifizierung industrieller Prozesse in Deutschland gelingt, heißt es im Positionspapier abschließend. Sie ist damit nicht nur eine energiepolitische, sondern auch eine industrie- und versorgungspolitische Schlüsselentscheidung. Die energieintensive Ernährungsindustrie kann ihre systemrelevante Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung nur erfüllen, wenn sie im internationalen Wettbewerb bestehen kann und die Energiekosten nicht zur existenziellen Bedrohung für den heimischen Mittelstand werden. Eine Netzentgeltsystematik darf kontinuierliche Produktionsprozesse nicht benachteiligen, den Mittelstand nicht ausschließen und Investitionen nicht erschweren. Andernfalls gefährdet sie Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit gleichermaßen.

Der AgNes-Prozess muss so gestaltet werden, dass er die mittelständisch geprägten und prozesswärmeintensiven Unternehmen der Ernährungsindustrie als starke Partner der Energiewende begreift. Nur durch verlässliche Übergangsfristen, den Abbau unpraktikabler Eintrittshürden, den aktiven Schutz der Eigenerzeugung und die Honorierung echter Flexibilität über ein transparentes Zwei-Säulen-Modell kann die klimaneutrale Transformation gelingen. Das gemeinsame Ziel muss sein, ein Abwandern der Produktion zu verhindern und die Ernährungs- und Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa langfristig, resilient und verlässlich zu gewährleisten.

>> Zur Pressemeldung

>> Zum ausführlichen Positionspapier

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Einmal im Monat geben wir Einblicke in aktuelle Themen, politische Entwicklungen und Hintergründe der deutschen Ernährungsindustrie.