Von 42 auf 70 Prozent: Deutschlands Recycling-Erfolg

Landet der Inhalt der gelben Tonne am Ende doch in der Müllverbrennung? Wird Altglas beim Abholen wieder zusammengekippt? Umweltbundesamt und Zentrale Stelle Verpackungsregister räumen mit hartnäckigen Irrtümern auf und präsentieren überraschende Zahlen. Die Kunststoff-Recyclingquote ist seit 2018 um fast 30 Prozentpunkte gestiegen. Doch es gibt auch Problemfelder. Bei Glas und Getränkekartons werden die gesetzlichen Vorgaben nach wie vor deutlich verfehlt. Hier sehen die Experten auch die Hersteller in der Pflicht.

Verbraucher wirft leere Plastikflasche in eine gelbe Tonne zur MülltrennungQuelle: Charlie's / Adobe Stock

Die Deutschen trennen ihren Müll gewissenhaft. Trotzdem hält sich der Zweifel, ob das System am Ende tatsächlich funktioniert. Auf ihrer Jahrespressekonferenz in Berlin widersprechen Umweltbundesamt und Zentrale Stelle Verpackungsregister dieser Skepsis entschieden. Die Botschaft ist klar: Das deutsche Recyclingsystem arbeitet deutlich besser als sein Ruf.

Zugleich betonen die Behörden, wo die Grenzen liegen. Die Entsorgungsinfrastruktur sei leistungsfähig. Entscheidend für weitere Fortschritte sei jedoch, wie Verpackungen gestaltet, gesammelt und in Verkehr gebracht werden. Hier sind auch die Hersteller angesprochen.

„So leistungsfähig Sortier- und Recyclinganlagen auch sind – sie können nicht ausgleichen, was beim Verpackungsdesign versäumt wird“, sagt Gunda Rachut, Vorstand der ZSVR. Gefragt sei ein abgestimmtes Vorgehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Mit der neuen EU-Verpackungsverordnung steigt der Handlungsdruck zusätzlich.

Kunststoff-Recycling erreicht neue Dimension

Die Zahlen unterstreichen den Fortschritt. Im Jahr 2024 wurden erneut rund 5,5 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle aus der Sammlung der dualen Systeme verwertet. Fünf von acht gesetzlichen Recyclingquoten wurden erreicht, teilweise sogar übererfüllt.

Besonders dynamisch entwickelte sich das Kunststoffrecycling. Die Quote für die werkstoffliche Verwertung stieg seit 2018 von 42 auf 70 Prozent.  

„Diese Entwicklung freut uns besonders. Das sind fast 30 Prozentpunkte mehr als 2018. Erstmals wurden mehr als 70 Prozent der Kunststoffverpackungen dem werkstofflichen Recycling zugeführt“, sagt Dr. Bettina Rechenberg, Fachbereichsleiterin Kreislaufwirtschaft beim UBA. „Den Irrglauben, es würde sowieso alles verbrannt, können wir damit eindrucksvoll widerlegen.“

Leistungsfähige Sortierung als Rückgrat des Systems

Der Erfolg basiert auf einer leistungsfähigen Infrastruktur. In Deutschland bereiten 43 Sortieranlagen den Inhalt der gelben Säcke und Tonnen systematisch auf. Pro Jahr werden rund 2,63 Millionen Tonnen sogenannter Leichtverpackungen gesammelt, etwa 31 Kilogramm pro Einwohner.

Die Anlagen trennen den Verpackungsabfall automatisiert in zahlreiche Materialfraktionen, etwa nach Kunststoffarten und Verpackungstypen. Sensorik und optische Erkennung sorgen dafür, dass recyclingfähige Verpackungen zuverlässig identifiziert werden. Je nach Material liegen die Sortierquoten bei über 95 Prozent.

Die Technik entwickelt sich kontinuierlich weiter. Künstliche Intelligenz hält Einzug: Sensoren überwachen und steuern die Prozesse mittlerweile automatisch, kontrollieren die Qualität der sortierten Fraktionen in Echtzeit und passen die Einstellungen selbstständig an. Die neueste Generation setzt auf sogenannte Multisensor-Technologie. Dabei arbeiten mehrere Sensorsysteme gleichzeitig und ergänzen sich gegenseitig, um auch schwierige Verpackungen zuverlässig zu identifizieren. So schaffen die Anlagen die Grundlage für ein hochwertiges Recycling.

Moderne Sortieranlage für Verpackungsabfälle mit Förderbändern in einer RecyclinghalleQuelle: Parilov / Adobe Stock

Mehr als die Hälfte der gelben Tonne wird recycelt

Mehr als die Hälfte des Inhalts der gelben Tonne ging 2024 tatsächlich ins Recycling. Das widerlegt einen der hartnäckigsten Mythen rund um die Mülltrennung. Nicht recyclingfähige Verpackungen und Fehlwürfe werden allerdings der energetischen Verwertung zugeführt und in Verbrennungsanlagen zur Energieerzeugung genutzt.

Wichtig zu verstehen: Die gesetzliche Recyclingquote bezieht sich auf die gesamte Sammelmenge einschließlich aller Fehlwürfe. „Aus Turnschuhen, Staubsaugerbeuteln, Schwimmflügeln und vergleichbaren Fehlwürfen kann selbst die leistungsfähigste Sortieranlage keinen Neukunststoff gewinnen“, heißt es in den Unterlagen zur Pressekonferenz.

Glas und Getränkekartons bleiben hinter den Zielen zurück

Während Kunststoff zunehmend im Kreislauf bleibt, verfehlen Glasverpackungen mit rund 83,1 Prozent die gesetzliche Zielvorgabe von 90 Prozent, und Getränkekartonverpackungen liegen mit etwa 71,3 Prozent unter dem Zielwert von 80 Prozent. Nach Einschätzung von UBA und ZSVR handelt es sich dabei weniger um ein technisches als um ein organisatorisches Problem.

Beim Glas ist die Farbtrennung etabliert. Weiß-, Grün- und Braunglas bleiben von der Sammlung bis in die Glashütte getrennt. Entgegen einer verbreiteten Annahme vermischen Entsorgungsunternehmen Altglas bei der Containerleerung nicht. Moderne Sammelfahrzeuge transportieren die Fraktionen in separaten Kammern.

„Glasrecycling bringt erhebliche Energieeinsparungen gegenüber der Neuproduktion“, sagt Rechenberg. „Voraussetzung dafür ist die richtige Mülltrennung. Noch immer geht zu viel Altglas im Restmüll verloren.“

Das Umweltbundesamt verweist vor allem auf Defizite bei der Sammlung: zu wenige Containerstandorte, unterschiedliche kommunale Systeme und eine sinkende Sammelbereitschaft im Alltag.

Ähnlich stellt sich die Lage bei Getränkekartons dar. Sie gelten als recyclingfähig, benötigen aber stabile Sammelstrukturen und ausreichend Mengen, um die Quoten zu erreichen.

EU-Vorgaben erhöhen den Koordinationsbedarf

Mit der EU-Verpackungsverordnung verschärfen sich die Anforderungen. Ab 2030 dürfen nur noch Verpackungen in Verkehr gebracht werden, die zu mindestens 70 Prozent stofflich verwertbar oder wieder verwendbar sind.

„Entscheidend ist die konsequente Umsetzung recyclinggerechter Lösungen“, sagt Rachut. Das erfordere Planungssicherheit, Investitionen und eine enge Abstimmung zwischen Gesetzgeber, Wirtschaft und Entsorgung. Die Bilanz fällt damit differenziert aus.

Das deutsche Recyclingsystem ist leistungsfähig und besser als sein Ruf. Die größten Herausforderungen liegen weniger in mangelndem Engagement der Hersteller als in der Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen, der Sammlung und der Akzeptanz im Alltag. Genau dort wird sich entscheiden, ob die ambitionierten EU-Ziele erreicht werden können.