Vom wilden Handel zur Weltbühne: 100 Jahre Grüne Woche

Was sagt eine Messe über ein Land? Über seine Landwirtschaft, seine Esskultur, seine politischen Konflikte. Die Grüne Woche gibt darauf seit hundert Jahren Antworten. Was 1926 als „wilder Handel" begann, ist heute die weltweit bedeutendste Messe für Ernährung und Landwirtschaft. Vom 16. bis 25. Januar feiert Berlin dieses Jubiläum und blickt dabei ebenso zurück wie nach vorn.

1956: Das alljährliche Schleppergeschicklichkeitsfahren auf der Grünen Woche.Quelle: Messe Berlin GmbH

Berlin im Januar 1926. Die Stadt vibriert im Rhythmus der Goldenen Zwanziger, zwischen Aufbruch, wirtschaftlicher Unsicherheit und unbändigem Gestaltungswillen. Landwirte strömen zur Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in die Hauptstadt. Händler nutzen die Gelegenheit, bieten Gerätschaften und Verbrauchsgüter direkt auf der Straße an. Der „wilde Handel“ wächst so rasant, dass Hans-Jürgen von Hake, Mitarbeiter im Berliner Fremdenverkehrsamt, eine Idee hat: Warum nicht alles unter ein Dach bringen?

Am Kaiserdamm wird diese Idee Realität. In einer Funkhalle und einer Autohalle öffnet im Januar 1926 erstmals die Grüne Woche. 7.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, 50.000 Besucher und ein vier Meter hohes Ungetüm als Star der Schau: ein eisenbereifter Universalschlepper mit 100 PS. Ein Symbol für den Beginn der Mechanisierung. Hundert Jahre später kehrt die Messe gedanklich an diesen Ursprung zurück. Und verbindet ihn mit einem entschlossenen Blick nach vorn.

Quelle: Messe Berlin GmbH

Wenn Geschichte lebendig wird

Die Jubiläumsausgabe ist eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Agrar- und Ernährungsgeschichte. In Halle 26a steht der Fordson-Radschlepper von 1926 neben hochmodernen Landmaschinen mit GPS-Steuerung, Sensorik und KI-gestützter Ertragsanalyse. Historische Fotografien zeigen Berliner Kleingärtner bei der Kartoffelernte – aus einer Zeit, in der noch 45.000 Pferde, 25.000 Schweine und mehr als eine halbe Million Stück Geflügel im Stadtgebiet lebten.

Die Blumenhalle greift die Ästhetik der Zwanziger Jahre auf, inspiriert von jenem glamourösen und zugleich fragilen Jahrzehnt zwischen Weltkriegen. Doch die Inszenierung bleibt nicht nostalgisch. Sie erinnert daran, dass die Grüne Woche immer Spiegel ihrer Zeit war.

In den 1930er Jahren instrumentalisierten die Nationalsozialisten die Messe für ihre „Blut-und-Boden“-Ideologie. 1948, während der Blockade West-Berlins, erweckte der Zentralverband der Kleingärtner sie mit bemerkenswerter Zivilcourage wieder zum Leben. 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, wurde sie zur Internationalen Grünen Woche. Schirmherr war Bundespräsident Heinrich Lübke. Die Botschaft war eindeutig: Diese Stadt lebt. Und sie bleibt offen.

Die Messe hat Kriege, Krisen und Systemwechsel überdauert. Sie ist ein Stück deutscher Zeitgeschichte. Und zugleich ein Ort, an dem bis heute darüber verhandelt wird, wie Ernährung gesichert, Landwirtschaft weiterentwickelt und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden werden kann.

Quelle: Messe Berlin GmbH

Politik trifft Praxis

Hier treffen Minister auf Landwirte, Konzernchefs auf Start-ups, Verbraucher auf Verbände. In den vergangenen Jahren wurde unser Gemeinschaftsstand „Zukunft schmeckt“ regelmäßig zur Bühne solcher Momente. Friedrich Merz, Olaf Scholz, Cem Özdemir und Christian Lindner kamen vorbei, probierten, diskutierten, ließen sich zeigen, wie die Unternehmen arbeiten und wo der Schuh drückt.

Parallel zur Messe tagt das Global Forum for Food and Agriculture. Mehr als 60 Landwirtschaftsministerinnen und -minister diskutieren über Wasser, Ernten und globale Ernährungssicherung. Spätestens hier wird sichtbar: Essen ist längst geopolitisch. Lieferketten, Klimarisiken und Ressourcenkonflikte reichen weit über den Tellerrand hinaus.

Diese Fragen werden auf der Grünen Woche konkret. Am Gemeinschaftsstand „Zukunft schmeckt“ zeigt sich, wie vielfältig, innovativ und leistungsfähig die Ernährungswirtschaft heute ist – von etablierten Markenunternehmen bis zu jungen Start-ups, von klassischen Produkten bis zu neuen Konzepten für nachhaltigen Konsum.

Christoph Minhoff bringt die industriepolitische Perspektive auf den Punkt: „Die deutsche Ernährungswirtschaft braucht politische Stabilität, die Planungssicherheit schafft, Innovation ermöglicht und Überregulierung verhindert. Vielfalt ist dabei weit mehr als eine Frage des Geschmacks: Sie stärkt Versorgungssicherheit und Resilienz, fördert Wettbewerb und eröffnet Verbraucherinnen und Verbrauchern echte Wahlfreiheit. Nur wenn Unternehmen ihre Kreativität entfalten können, lässt sich der Dreiklang aus Qualität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit dauerhaft sichern.“

„Zukunft schmeckt“ 2026

Auch in diesem Jahr präsentieren BVE und Lebensmittelverband Deutschland in Halle 3.2 ihren Gemeinschaftsstand „Zukunft schmeckt“. Zehn Tage lang wird in der Showküche gekocht und verkostet – die Köche Daniel Schade und Sebastian Morgenstern zeigen die gesamte Bandbreite moderner Ernährung. Begleitend diskutieren Fachleute über Innovationsförderung, Rahmenbedingungen und Ernährungssicherung in Krisenzeiten.

Der Zukunft Schmeckt-Messestand von BVE und Lebensmittelverband Deutschland auf der Grünen Woche 2025.

Namhafte Partner bereichern das Programm: McDonald’s Deutschland beleuchtet Qualitätssicherung in der Lieferkette, die zur Mühlen Gruppe zeigt ihr Portfolio von Bio über Halal bis zu veganen Alternativen. Nestlé lädt zu Sinnesreisen durch regenerative Anbaumethoden ein, Mondelēz International feiert das Milka-Jubiläum, Coca-Cola präsentiert seine fast 100-jährige Geschichte in Deutschland. Capri-Sun stellt neue Verpackungslösungen vor, Ferrero öffnet einen Sensorik-Parcours. Am zweiten Wochenende rücken innovative Start-ups in den Fokus und zeigen, wie die nächste Generation Ernährung neu denkt.

>> Mehr zum Programm „Zukunft schmeckt“ 2026.

Engagement mit Tradition

Als ideeller Träger prägt die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie die Grüne Woche seit vielen Jahren aktiv mit. Der Gemeinschaftsstand „Zukunft schmeckt“, den wir mit dem Lebensmittelverband Deutschland betreiben, ist Ausdruck dieses Engagements. Er ist Dialograum, Schaufenster und Bühne zugleich.

Cem Özdemir und Kai Wegner mit BVE-Geschäftsführer Christoph Minhoff und Vorstand Christian von Bötticher auf dem BVE-Messestand bei der Grünen Woche 2025.Quelle: Tobias Rücker / ernaehrungsindustrie.de

Hier konnten Besucher immer wieder erleben, wie sich Ernährung verändert. 2018 etwa, als Insektenprotein erstmals probiert wurde, noch bevor entsprechende Produkte im Handel ankamen. Oder 2020, als Nestlé auf der Grünen Woche die vegane „Incredible Bratwurst“ vorstellte. Und 2024, als Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner medienwirksam einen pflanzenbasierten Döner anschnitt, während Musiker K-Fly vegetarische Rezepte rappte.

Quelle: Messe Berlin GmbH

Selbst in der Pandemie blieb der Dialog bestehen. 2021 organisierten BVE und Lebensmittelverband ein Online-Programm zur Frage: „Wie schmeckt die Zukunft?“ und erreichten damit ein Publikum weit über das Messegelände hinaus.

Ein Jubiläum mit Signalwirkung

Die Grüne Woche 2026 ist kein Rückblick in Sepiatönen. Sie ist ein Spiegel einer Branche im Wandel. Sie zeigt, wie sehr Fragen von Ernährung, Klima und Wirtschaft miteinander verwoben sind. Und sie macht deutlich, dass Ernährung mehr ist als die Summe der Kalorien. Sie ist Kultur, Identität und politische Aufgabe.

Hundert Jahre nach dem ersten „wilden Handel“ am Kaiserdamm ist die Grüne Woche geblieben, was sie immer war. Ein Ort der Begegnung. Und ein Seismograf für die Fragen, die eine Gesellschaft umtreiben.

📆 Die Internationale Grüne Woche 2026 findet vom 16. bis 25. Januar auf dem Berliner Messegelände statt.

📍 Der Gemeinschaftsstand „Zukunft schmeckt“ von BVE und Lebensmittelverband befindet sich in Halle 3.2.

🎫 Tickets: www.gruenewoche.de