Am 24. und 25. Februar 2026 kamen sie im Steigenberger Hotel am Kanzleramt zusammen. Unter dem Leitmotiv „Transparenz schaffen. Innovation gestalten. Verantwortung leben.“ Das Ergebnis: viel Konsens in der Diagnose und viele offene Fragen bei der Umsetzung.
Staat und Wirtschaft in gemeinsamer Verantwortung
Silvia Breher, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, stellte in ihrer Eröffnungsrede die politische Perspektive dar. Die globalen Warenströme seien fragil, Versorgungssicherheit keine Selbstverständlichkeit. „Lebensmittelsicherheit ist kein Selbstläufer, wir müssen sie gemeinsam täglich erarbeiten“, betonte sie. Lebensmittelversorgung gehöre zur kritischen Infrastruktur, entsprechend hoch sei die gemeinsame Verantwortung von Staat und Wirtschaft.
Zugleich kündigte Breher einen „Politikwechsel im Wie“ an: mehr Dialog und eine stärkere Einbindung der Wirtschaft in Entscheidungsprozesse. Ziel sei es, Lösungen im Austausch zu entwickeln und Verfahren praxisnäher sowie verlässlicher zu gestalten, ohne das hohe Sicherheitsniveau infrage zu stellen.
Das Versprechen, Bürokratie abzubauen und Abläufe planbarer zu machen, stieß im Saal auf offene Ohren, aber auch auf Skepsis. In vielen Unternehmen entsteht der Eindruck, dass neue Berichtspflichten und Nachweisanforderungen schneller hinzukommen, als bestehende Vorgaben vereinfacht werden. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, dass dem angekündigten Kurswechsel nun konkrete Entlastungen folgen.
Konkret verwies Breher auf mehrere Initiativen: Das Ministerium arbeitet an einer Agrarexportstrategie, um internationale Märkte zu erschließen und Handelshemmnisse abzubauen. Ein Nationales Referenzzentrum für Lebensmittel soll Warenströme transparenter machen. Zudem wurden gemeinsam mit den Länderbehörden 35 Empfehlungen zur Bekämpfung betrügerischer Vorgänge erarbeitet.
Gleichzeitig solle die staatliche Notfallreserve auf verzehrfähige Lebensmittel ausgeweitet werden. Bundesminister Alois Rainer hatte in diesem Zusammenhang bereits 2025 das Schlagwort der „Ravioli-Reserve“ geprägt.
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Sichere Rohwaren, sichere Lebensmittel
Komplexe Lieferketten, geopolitische Spannungen und Extremwetterereignisse erhöhen den Druck auf die gesamte Wertschöpfungskette. Prof. Dr. Gaby-Fleur Böl, Präsidentin des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), brachte es auf den Punkt: „Sichere Lieferketten beginnen bei den Rohwaren: Verlässliche Kontrollen und internationale Zusammenarbeit sind entscheidend, um gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen und Verbraucherinnen und Verbraucher wirksam zu schützen.“
Importkontrollen, das europäische Schnellwarnsystem RASFF und digitale Instrumente wie FoodChain-Lab seien zentrale Bausteine. Zugleich warnte Böl vor einer Überfrachtung des Systems: „Bitte Konzentration auf das sichere Lebensmittel und nicht so viel Firlefanz drumherum!“
Sie sprach dabei auch ein unbequemes Thema an: NGOs, die mit eigenen, teils über gesetzliche Anforderungen hinausgehenden Sicherheitsstandards zusätzliche Maßstäbe setzen. Solche Parallelstandards könnten zwar gut gemeint sein, führten aber aus ihrer Sicht häufig zu Verunsicherung bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Und am Ende zu weiterer Komplexität für Unternehmen, ohne einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn zu bringen.
Die Forderung nach Priorisierung zog sich durch mehrere Panels. Unternehmen sehen sich mit einer Vielzahl neuer Vorgaben konfrontiert, von Lieferkettensorgfaltspflichten über Verpackungsanforderungen bis zum Nachhaltigkeitsreporting. In der operativen Umsetzung binden sie Ressourcen, die im Kerngeschäft fehlen.
In parallelen Fachforen vertiefte der Kongress einzelne Themen noch konkreter: von den praktischen Auswirkungen der neuen Listeria-Verordnung über Next Generation Sequencing in der Ausbruchsaufklärung bis hin zu datengetriebenen Compliance-Lösungen. Gerade hier zeigte sich, wie stark technologische Instrumente inzwischen zum strategischen Wettbewerbsfaktor werden.
Authentizität beginnt vor dem Labor
Lebensmittelbetrug nimmt zu – um zehn Prozent, wie Dr. Ilka Haase vom Max-Rubner-Institut berichtete. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei nicht in der Analytik, sondern in der Datengrundlage: Wer liefert authentische Referenzproben aus aller Welt?
KI-gestützte Verfahren können Muster identifizieren, die klassische Methoden nicht erfassen. Doch die Datenbasis entscheidet. Dr. Steffen Seifert vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zeigte, wie KI-gestützte Authentizitätsanalytik bereits bei Honig, Wein, Olivenöl und Fruchtsaft eingesetzt wird. Doch eine rein europäische Datenbank erkennt zum Beispiel exotische Honige als verdächtig, obwohl sie authentisch sind. Die Lösung sei keine analytische, sondern eine organisatorische: Behörden und Wirtschaft müssten gemeinsam weltweit authentische Proben generieren.
Hier zeigte sich ein wiederkehrendes Motiv des Kongresses: Lebensmittelsicherheit ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Behörden und Wirtschaft müssen und wollen enger zusammenarbeiten, Daten teilen und Systeme harmonisieren.
Zwischen Lieferengpass und Innovationsdruck
In den Diskussionen zu geopolitischen und klimatischen Risiken wurde offen ausgesprochen, was viele Unternehmen längst erleben. „Uns allen ist die Sorglosigkeit verloren gegangen. Krisenmodus ist der Dauermodus, das muss gemanagt werden“, fasste Dr. Matthias Moser von der Stern-Wywiol Gruppe die Lage zusammen. Lieferketten werden diversifiziert, Lagerhaltung angepasst, alternative Rohstoffe geprüft. Doch jede neue Bezugsquelle bringt neue Prüf- und Dokumentationsanforderungen mit sich.
Gleichzeitig drängen Innovationen auf den Markt. Novel Food, neue Herstellungsverfahren und alternative Zutaten eröffnen Chancen, stellen aber auch regulatorische und kommunikative Herausforderungen dar. Rechtsanwältin Franca Werhahn sprach von einem steinigen Weg, ein neuartiges Lebensmittel auf den Markt zu bringen. Das Lebensmittelrecht müsse sich schneller anpassen, als es das aktuell tue. Dr. Sara Marquart von Planet A Foods plädierte für mehr Mut in den Handelsunternehmen, Innovationen auch zu tragen.
Fazit: Die Branche redet Klartext
Zwei Tage Berlin haben gezeigt: Die Branche kennt ihre Schwachstellen: fragile Lieferketten, Regulierungsflut, fehlende Datengrundlagen. Und sie benennt sie offen. Was jetzt fehlt, ist der Beweis, dass politische Ankündigungen und unternehmerischer Wille auch zu konkreten Entlastungen führen.
Der nächste Food Safety Kongress findet am 23. und 24. Februar 2027 statt.

