Herr Bertram, die ZDS bildet seit 1954 Fachkräfte für die Süßwarenindustrie aus. Was hat sich seitdem verändert?
Andreas Bertram: Sehr vieles. Am Anfang stand die Ausbildung zum Konfekt-, Bonbon- und Schokoladenmacher. Heute bilden wir Süßwarentechnologen aus, die mit hochautomatisierten Anlagen arbeiten und Produktionsprozesse digital überwachen. Die Branche hat sich zu einem technisch hochspezialisierten Industriezweig entwickelt. Die Schwerpunkte sind heute Anlagenbedienung, Prozessverständnis, Hygiene- und Qualitätsmanagement, nicht mehr nur die handwerkliche Süßwarenherstellung.
Was bedeutet das konkret für die Ausbildung?
Andreas Bertram: Seit der Neuordnung des Berufs 2024 bekommen unsere Auszubildenden Einblick in alle Einsatzgebiete der Süßwarenindustrie: von Schokolade über Zuckerwaren bis zu feinen Backwaren. Das macht sie flexibler und breiter aufgestellt. Wir setzen auf moderne Lehrmethoden mit Unterstützung von interaktiven Displays, Tablets, digitale Lernplattformen, kombiniert mit industrienahem Praxisunterricht.
Quelle: ZDS – Zentralfachschule der Deutschen SüßwarenwirtschaftViele Unternehmen klagen, dass Schulabgänger heute weniger Grundkompetenzen mitbringen. Können Sie das bestätigen?
Andreas Bertram: Wir betreuen Auszubildende mit sehr unterschiedlichen Bildungshintergründen, von Hauptschulabsolventen bis zu Abiturienten. Die Lernenden sind heute digitaler, selbstbewusster und zugleich anspruchsvoller geworden. Sie wollen verstehen, warum etwas funktioniert. Deshalb haben wir unsere Lehrmethoden angepasst und bieten einen ganzheitlichen Betreuungsansatz. Bis zu zehn Sozialpädagogen unterstützen unsere Azubis nach dem Unterricht: mit Freizeitangeboten, aber auch mit gezielter Förderung in fachlichen und sprachlichen Kompetenzen. Das ist ein Garant für unsere hohe Abschlussquote.
Welche technologischen Veränderungen prägen die Branche derzeit am stärksten?
Andreas Bertram: Die Süßwarenproduzenten stehen derzeit vor zahlreichen Umbrüchen, die von einem enormen Kostendruck geprägt sind. Die Antwort darauf heißt: Effizienzsteigerung durch Digitalisierung. Digital Twins, Machine Learning, automatisierte Prozesse, KI-gestützte Datenanalysen von Ausfallzeiten und Maschinendaten – all das wird bereits eingesetzt, um Kosten zu senken. Besonders in der Überwachung von Produktionsprozessen, bei der präventiven Instandhaltung und im Energiemanagement. Auch die Mensch-Roboter-Kollaboration gewinnt in der Produktion und Logistik an Bedeutung, etwa bei fahrerlosen Transportsystemen und autonomen mobilen Robotern.
Wo stoßen die Technik noch an Grenzen?
Andreas Bertram: Die Grenzen liegen weniger in der Technik als bei den Menschen. Nicht jedes Unternehmen hat die Fachkräfte, um diese Systeme optimal zu nutzen. Und genau da setzen wir an.
Wie verändert sich das Anforderungsprofil an Fachkräfte?
Andreas Bertram: Technisches Verständnis für moderne Produktionsanlagen wird zur Schlüsselkompetenz. Das gilt besonders für Maschinen- und Anlagenführer. Wir arbeiten gerade an einem Projekt, um Prozesse zu simulieren und zu überwachen. Die Lernenden sollen verstehen, wie Daten in der Praxis zur Prozessoptimierung, Qualitätssicherung oder Fehleranalyse eingesetzt werden. Aber auch analytisches Denken und die grundsätzliche Lernbereitschaft für neue Prozesse sind entscheidend.
Quelle: ZDS – Zentralfachschule der Deutschen SüßwarenwirtschaftAlso digitale Kompetenz statt handwerkliches Können?
Andreas Bertram: Beides! Handwerkliche Grundlagen bleiben wichtig, aber ohne technisches Verständnis und Digitalkompetenz geht heute nichts mehr. Wir haben unser Bildungsangebot entsprechend erweitert, etwa um den Anlagen- und Maschinenführer, da zunehmend Fachkräfte für die vornehmliche Bedienung der Maschinen- und Anlagen benötigt werden.
Wie entwickeln Sie Ihre Angebote weiter?
Andreas Bertram: Wir stehen im engen Dialog mit der Branche und orientieren uns an den Bedürfnissen. Neben der Berufsschule bieten wir Individual- und Firmenschulungen an – digital, hybrid oder in Präsenz. Wir greifen aktuelle Entwicklungen auf. Als die Nachfrage im Riegelsegment stieg, organisierten wir einen internationalen Kongress dazu. Unsere Formate wie ChocoTec und InterPraline sind wichtige Netzwerk- und Wissensplattformen für die Branche.
Die ZDS bildet auch Menschen aus vielen Ländern aus. Welche Chancen entstehen daraus?
Andreas Bertram: Der Fachkräftemangel führt dazu, dass Unternehmen zunehmend Mitarbeiter auch aus dem Ausland beschäftigen. Wir entwickeln derzeit spezielle Weiterbildungsformate, um diesen Bedarf zu decken. Eine Herausforderung ist die Sprachenvielfalt. Die Kommunikation in den Betrieben wird komplexer. Gut ausgebildete Fachkräfte sind die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Süßwarenindustrie.
Wie finanziert sich die ZDS?
Andreas Bertram: Die ZDS ist eine Solidargemeinschaft. Süßwarenproduzenten, aber auch Zulieferer und Maschinenbauer unterstützen uns. Das ermöglicht erst unsere industrienahe Ausbildung. Unsere Weiterbildungsformate wie ChocoTec sind ein wichtiger Finanzierungsbaustein, aber gleichzeitig auch maßgeblich für unsere fachliche Weiterentwicklung.
Quelle: ZDS – Zentralfachschule der Deutschen SüßwarenwirtschaftSie kooperieren auch mit Hochschulen. Wie sieht das aus?
Andreas Bertram: Seit 2016 bieten wir gemeinsam mit den Hochschulen Neubrandenburg, Niederrhein und Ostwestfalen-Lippe ein ausbildungsbegleitendes duales Studium an. Der Abschluss ist der Bachelor of Science Lebensmittel (Back- und Süßwarentechnologie). Unsere umfangreiche technische Ausstattung nutzen wir auch für Forschungsprojekte sowie Bachelor- und Masterarbeiten. Wir können im Pilotmaßstab Süßwaren herstellen und geben Kooperationspartnern wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung von Prozessen oder neue Rohstoffeinsätze.
Was unternimmt die ZDS, um junge Menschen für Berufe in der Süßwarenbranche zu begeistern?
Andreas Bertram: Diese Aufgabe wird maßgeblich von unseren Mitgliedsunternehmen wahrgenommen. Wir als ZDS unterstützen dabei intensiv. Neben Printmedien, Filmen und Beiträgen in Social Media sind wir auch auf Messen präsent, bieten Schnupperpraktika an und richten jährlich einen Ausbildertag aus. All das fördert die Begeisterung für die Süßwarenbranche und das Interesse an einer Ausbildung.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie sieht die Süßwarenproduktion in zehn Jahren aus?
Andreas Bertram: Der Wettlauf um die Technikführerschaft wird die Zukunft bestimmen. Automatisierung und KI-gestützte Datenanalysen sind der Schlüssel für Effizienzsteigerungen. Die Wettbewerbsfähigkeit wird sich aus zwei Dingen ableiten: der Einzigartigkeit des Produkts oder dem Kostenvorteil in der Produktion. Diese Entwicklung wird von Fachkräften geprägt, die technisches Verständnis, analytisches Denken und lebenslange Lernbereitschaft mitbringen. Zahlreiche Führungskräfte haben ihren beruflichen Werdegang bei uns begonnen. Diese Verbundenheit spüren wir jeden Tag und sie motiviert uns, die nächste Generation bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten. Getreu dem Motto: „Einmal ZDS – Immer ZDS“.
Vielen Dank für das Interview!
Über die ZDS: Die Zentralfachschule der Deutschen Süßwarenwirtschaft e.V. ist seit 1954 die zentrale Aus- und Weiterbildungsinstitution für die deutsche Süßwarenindustrie. Als Bundesfachschule für Süßwarentechnologen bildet sie im Blockunterricht Nachwuchskräfte aus ganz Deutschland aus und bietet zudem Weiterbildungen, Seminare und Branchenevents wie die ChocoTec an.
Die nächste Chocotec findet vom 8. bis 10. Dezember 2026 in Köln statt.
Die nächste InterPraline wird vom 21. bis 23. April 2026 in Solingen ausgerichtet.

