Drei Experten beleuchteten das Thema aus statistischer, medizinischer und ernährungswissenschaftlicher Sicht: Statistik-Expertin Dr. Katharina Schüller, der Kardiologe und Medizinrechtler Prof. Dr. med. Boris Bigalke von der Charité, und der Ernährungswissenschaftler Dr. Malte Rubach. Ihre Vorträge zeigten übereinstimmend: Eine Zuckersteuer hilft nicht bei der Reduktion von Übergewicht und Adipositas.
Modellrechnungen halten genauer Prüfung nicht stand
Dr. Katharina Schüller hat die Studien, die in der politischen Debatte oft als Beleg für positive Effekte einer Zuckersteuer genannt werden, genau untersucht. Sie prüfte häufig zitierte Arbeiten aus Deutschland, England und Mexiko. Zunächst machte sie deutlich, dass es sich ausnahmslos um Modellierungs- bzw. Simulationsstudien handelt. Diese könnten zwar mögliche Entwicklungen unter bestimmten Annahmen berechnen, setzten den behaupteten kausalen Zusammenhang zwischen Zuckersteuer, verändertem Konsumverhalten und gesundheitlichen Effekten jedoch bereits voraus. Einen ursächlichen Zusammenhang könnten sie deshalb nicht nachweisen.
Darüber hinaus wiesen nach Schüllers Analyse sämtliche untersuchten Studien zum Teil erhebliche methodische Schwächen auf. Dazu gehörten unter anderem vereinfachende Modellannahmen, veraltete oder nur eingeschränkt repräsentative Datensätze, unzureichend berücksichtigte Einflussgrößen sowie eine mangelnde Überprüfung der Robustheit der Ergebnisse.
Kritischer Blick auf die britische Studie
Besonders kritisch bewertete sie die Cambridge-Studie von Rogers, Cummins et al., die vielfach als Beleg für die Wirksamkeit der britischen Zuckersteuer angeführt werde. Die dort beobachteten geringen Effekte (-8 Prozent weniger Übergewicht) beschränkten sich auf eine kleine Teilgruppe von 10- bis 11-jährigen Mädchen und könnten nach ihrer Analyse auf methodische Verzerrungen zurückzuführen sein.
Bei der Darstellung der Ergebnisse kritisierte Schüller, dass Unsicherheiten nicht offen genug kommuniziert werden. So wirken absolute Zahlen zu vermeintlichen Einsparungen im Gesundheitssystem vielleicht beeindruckend, sind aber im Verhältnis zu den Gesamtkosten im Gesundheitssystem marginal. Viele Schlussfolgerungen gehen über das hinaus, was die Rechnungen tatsächlich belegen können.
Ihr klares Fazit: Keine der sechs Studien liefere eine belastbare wissenschaftliche Evidenz dafür, dass eine Zuckersteuer nachweislich zu einer Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung führe.
Das Herz und die vielen Ursachen von Übergewicht
Prof. Dr. Boris Bigalke erklärte, warum Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland die häufigste Todesursache sind – mit einem Anteil von über 33 Prozent. Übergewicht spielt dabei eine Rolle, ist aber nur einer von vielen Faktoren. Dazu gehören Rauchen, Bewegungsmangel, Stress, Schlafmangel, Bluthochdruck, genetische Veranlagung und soziale Verhältnisse.
Wichtig sei vor allem das Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und -verbrauch. Wer dauerhaft mehr Kalorien zu sich nimmt, als der Körper verbraucht, nimmt zu. In diesem Zusammenhang kritisierte Bigalke die vielzitierte deutsche Simulationsstudie Emmert-Fees KM et al., die mit einer Einsparung von nur etwa sechs Gramm Zucker pro Tag durch eine Steuer. Das entspricht gerade einmal 24 Kalorien bei einer normalen Ernährung. Ein klinisch kaum spürbarer Effekt!
Prävention statt Verbotspolitik
Bigalke warb für das Prinzip der „Goldenen Mitte“. Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig könnten gesundheitliche Nachteile mit sich bringen. Dies gelte nicht nur für Zucker, sondern grundsätzlich für nahezu alle Nährstoffe und Lebensbereiche. Aus medizinischer Sicht sei deshalb Maßhalten der richtige Weg, nicht die pauschale Verurteilung einzelner Lebensmittel oder Inhaltsstoffe.
Bigalke plädierte stattdessen für positive Ansätze: Mehr Bewegung im Alltag, bessere Ernährungsbildung und die konsequente Umsetzung des Präventionsgesetzes in Kitas, Schulen und Betrieben. Schon 15 Minuten moderate Bewegung am Tag wie etwa Seilspringen können die Gesundheit spürbar verbessern.
Internationaler Vergleich stellt die Wirksamkeit der Zuckersteuer infrage
Dr. Malte Rubach setzte sich kritisch mit dem von der AOK veröffentlichten Public Health Index auseinander, der Deutschland zuletzt im Bereich Ernährung einen der hinteren Plätze zugewiesen hatte. Nach Rubachs Einschätzung bildet dieser Index die tatsächliche gesundheitspolitische Leistungsfähigkeit eines Landes nur unzureichend ab, da er vergleichsweise wenige und teilweise selektiv ausgewählte Indikatoren berücksichtigt. International etablierte und umfassendere Gesundheitsindizes zeichneten ein deutlich differenzierteres Bild und bescheinigten Deutschland im Bereich der Adipositasprävention keineswegs eine schlechte Ausgangslage.
Quelle: BVEAnhand internationaler Vergleiche zeigte Rubach außerdem, dass sich kein belastbarer Zusammenhang zwischen regulatorischen Maßnahmen wie Zuckersteuern oder Werbebeschränkungen und der Entwicklung von Übergewicht oder Adipositas erkennen lasse. Länder mit weitreichenden Regulierungen wiesen keineswegs automatisch niedrigere Adipositasraten auf als Staaten ohne entsprechende Maßnahmen. Die statistischen Zusammenhänge seien insgesamt sehr schwach.
Gesundheitsförderung wirkt stärker als Steuern
Deutlich stärker seien dagegen die Zusammenhänge bei Maßnahmen zur Bewegungsförderung. Insbesondere Investitionen in Sport- und Bewegungsangebote, frühkindliche Prävention sowie gesundheitsfördernde Lebenswelten zeigten in internationalen Vergleichen wesentlich höhere Zusammenhänge mit positiven Gesundheitsindikatoren als fiskalische Lenkungsinstrumente.
Die drei Referenten zeigten übereinstimmend: Eine Zuckersteuer auf Getränke bringt keinen messbaren Nutzen für die Volksgesundheit. Die Gesundheit der Bevölkerung lässt sich besser durch breit angelegte, positive Maßnahmen fördern – von mehr Bewegung über bessere Aufklärung bis hin zu freiwilligen Verbesserungen in der Produktentwicklung.
Nein zur Zuckersteuer!
🔗 Sie möchten sich weiter über die Debatte um die Zuckersteuer informieren? Auf unserer Kampagnenseite finden Sie Hintergründe, Argumente und aktuelle Entwicklungen rund um die geplante Zuckersteuer auf Getränke.
👉 https://www.lieber-keine-zuckersteuer.de/

