Der digitale Futternapf: Wie Apps, Algorithmen und KI die Tierernährung verändern

Ein Futterspender mit Gesichtserkennung, maßgeschneidertes Diätfutter und Algorithmen, die passgenau die Ration berechnen: Die Digitalisierung hat den Heimtiermarkt erfasst. In Deutschland leben rund 28 Millionen Katzen und Hunde, deren Versorgung zunehmend datengestützt wird.

Golden Retriever und graue Katze sitzen sich gegenüber an einem gemeinsamen FutternapfQuelle: chendongshan / Adobe Stock

Wer heute seinen Hund füttert, muss das nicht mehr allein nach Augenmaß tun. Auf dem Smartphone lässt sich in wenigen Minuten der tägliche Energiebedarf berechnen, eine BARF-Ration auf Nährstoffmängel prüfen oder ein individuell zusammengestelltes Diätfutter beim Tierarzt ordern, das anschließend auf Bestellung produziert und nach Hause geliefert wird.

Der Gesamtumsatz der deutschen Heimtierbranche belief sich 2025 laut Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) und dem Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) auf knapp 7 Milliarden Euro. Allein auf Heimtier-Fertignahrung entfielen rund 4,3 Milliarden Euro.

Rund 35 Millionen Heimtiere leben in deutschen Haushalten, darunter etwa 16,7 Millionen Katzen und 10,3 Millionen Hunde. Dieser Markt ist nicht nur groß. Er ist auch emotional aufgeladen. Haustiere werden nicht selten wie Familienmitglieder behandelt, ihre Versorgung professionalisiert und individualisiert. Genau hier setzt die Digitalisierung an.

Vom Packungs-Hinweis zur Nährstoffanalyse

Die Grundlage legen kostenlose Futterrechner für Einsteiger. Wer mehrere Futtersorten kombiniert oder selbst kocht und barft, steht vor der Frage, ob die Ration tatsächlich alle Nährstoffe abdeckt. Übliche Packungsangaben helfen dabei nur bedingt. Der IVH hat deshalb auf seiner Website kostenlose Futterrechner bereitgestellt, mit denen Hunde- und Katzenhalter den Energiebedarf ihrer Tiere schätzen und die richtige Futtermenge ermitteln können, mit dem erklärten Ziel, Übergewicht vorzubeugen. In Deutschland seien rund 50 Prozent der Hunde und Katzen von Übergewicht betroffen, heißt es beim IVH.

Wer tiefer einsteigen will, findet noch deutlich leistungsfähigere Lösungen. Anbieter wie Futtermedicus, BARF-Check oder der Foodcalculator von G&H Tierernährung gleichen Rationen auf Basis wissenschaftlicher Bedarfswerte des National Research Council (NRC) mit dem individuellen Tier ab, berücksichtigen Alter, Gewicht, Aktivitätsniveau, Erkrankungen und Lebensstadien und weisen mit Ampelsystemen auf Mängel oder Überschüsse bei mehr als 40 Nährstoffen hin. Datenbanken mit 1.500 bis über 3.200 Futtermitteln bilden die Grundlage, hinzu kommen Wachstumskurven und tierartspezifische Anpassungen.

Im Foodcalculator ermöglicht ein KI-Assistent das automatische Auslesen von Nährstoffangaben aus Fotos von Futtermittetiketten oder hochgeladenen PDF-Dateien. Der Tierbesitzer muss lediglich ein Foto machen, die KI trägt die Werte ein. Was bei der menschlichen Ernährungsberatung bereits Standard ist, hält damit auch in der Tierernährung Einzug.

Frau scannt mit dem Smartphone die Nährwertangaben einer Tierfutterverpackung im SupermarktQuelle: Pavel / Adobe Stock

Futter auf Rezept: Der Algorithmus als Ernährungsberater

Einen großen Schritt in Richtung Personalisierung geht eines der etabliertesten Unternehmen der Branche. Royal Canin, eine Tochtergesellschaft von Mars Petcare, hat 2020 in Deutschland das Konzept Individualis eingeführt, als zweiter Markt weltweit nach Frankreich. Das Prinzip: Tierärzte erfassen während der Konsultation die relevanten Gesundheitsdaten des Tieres auf einer digitalen Plattform. Ein Algorithmus kombiniert die Befunde mit dem Ernährungswissen von Royal Canin und errechnet daraus eine individuelle Futterzusammensetzung. Jede Ration wird auf Bestellung in Frankreich produziert und als 30-Tages-Vorrat direkt an den Tierhalter geliefert.

Das technische Konzept ähnelt dem eines Tintenstrahldruckers. Aus einem Set sogenannter Grundkroketten lässt sich ein breites Spektrum individueller Nährstoffprofile zusammenstellen. Tausende Nährstoffkombinationen seien damit abbildbar, erklärt das Unternehmen. Tierärzte können die Ration jederzeit anpassen, wenn sich der Gesundheitszustand des Tieres verändert. Mittlerweile wurden über 171.000 individuelle Nahrungen versandt.

Was Tierärzte bislang diagnostizierten und was Hersteller produzierten, waren zwei getrennte Vorgänge. Individualis verbindet beides. Der Tierarzt stellt die Weichen, der Algorithmus übersetzt sie in eine Rezeptur.

Smarte Futterspender

Parallel zur Ernährungsberatung digitalisiert sich die Fütterung selbst. Automatische Futterspender gibt es seit Jahren. Die neue Generation ist vernetzt. App-gesteuerte Smart Feeder ermöglichen zeitgesteuerte und portionsgenaue Fütterung aus der Ferne, integrieren Kameras zur Überwachung, erkennen per Gesichtserkennung welche Katze gerade frisst und passen Portionsgrößen automatisch an. Erste Modelle werten Aktivitätsdaten aus und justieren die Futtermenge entsprechend.

Katze sitzt neben zwei smarten Futterspender mit integrierten KamerasQuelle: Jakub / Adobe Stock

Laut IVH verzeichnen digitale Haustier-Gadgets wie GPS-Tracker, Gesundheitsmonitore und automatisierte Fütterungssysteme in Deutschland seit 2023 jährliche Wachstumsraten von über 25 Prozent. In einer Studie von Die Projektmeisterei gaben 2025 weniger als 10 Prozent der befragten Hundehalter an, Apps im Bereich Hundehaltung zu nutzen. In der Breite ist die Technologie noch nicht angekommen.

Eine Milliarde Dollar für den Futternapf

Die großen Hersteller investieren erheblich in die Digitalisierung der Tierernährung, mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlicher geografischer Reichweite. Mars Petcare hat angekündigt, innerhalb von drei Jahren eine Milliarde US-Dollar in die Digitalisierung der Pet Nutrition-Sparte zu investieren. 70 Prozent davon fließen in Personalaufbau und externe Expertise, der Rest in Generative KI, Datenmanagement und E-Commerce. Ziel ist es, den digitalen Umsatzanteil bis 2030 zu verdoppeln.

Im Mai 2025 lancierte Mars einen ersten konkreten KI-gestützten Verbraucherdienst namens GREENIES Canine Dental Check. Das Tool erlaubt es, mit einem Smartphone-Foto den Zahnstatus eines Hundes zu analysieren. Das zugrundeliegende Modell wurde auf über 53.000 Aufnahmen von Hundemäulern trainiert. Es ist zunächst in den USA verfügbar, ein Deutschland-Start ist noch nicht terminiert. Ein weiteres angekündigtes Tool, IAMS Poopscan, soll anhand von Fotos des Kots Rückschlüsse auf die Verdauungsgesundheit erlauben.

Nestlé Purina setzt in den USA auf das Petivity Smart Litterbox-System. Das Katzenklo erfasst Gewicht, Häufigkeit des Toilettengangs und weitere Verhaltensmuster, speist diese Daten in KI-Algorithmen ein und sendet per App Hinweise auf mögliche Nierenprobleme, Harnwegsinfektionen oder Übergewicht. In Deutschland ist das System noch nicht erhältlich. Die myPurina-App bietet hierzulande hingegen bereits einen Futtermittelrechner und personalisierte Produktvorschläge.

Die USA und Teile Asiens sind bei diesen Entwicklungen schon sehr weit. In Deutschland sind die bereits vorhandene Infrastruktur professioneller Futterrechner und die wachsende Nachfrage nach individualisierten Tiernahrungskonzepten eine gute Ausgangslage für die nächsten Schritte.

Chancen und offene Fragen

Wo die Technologie greift, greift sie gut. Übergewicht ist bei Hunden und Katzen in Deutschland ein ernstes Problem, und bedarfsgerechte Fütterung ist wirksame Prävention. Algorithmengestützte Rationsberechnung kann präziser sein als Augenmaß, maßgeschneiderte Diätfutter erleichtern die Versorgung kranker Tiere mit komplexen Mehrfacherkrankungen.

Royal Canin liefert bereits algorithmisch berechnete Einzeltierrationen an deutsche Tierarztpraxen, Mars investiert eine Milliarde Dollar in KI-gestützte Tiergesundheitstools, der IVH stellt kostenlose Futterrechner für Millionen Tierhalter bereit. Die Digitalisierung ist im Futternapf längst angekommen.

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