Herr Klima, wie bewerten Sie aktuell die Chancen für Unternehmen der deutschen Ernährungsindustrie auf dem indischen Markt?
Volker Klima: Indien ist mit rund 1,45 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt und zugleich die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der G20 mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von ca. 6-7%. Für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft eröffnet das zahlreiche Chancen, zumal die Präsenz deutscher Unternehmen bislang noch vergleichsweise gering ist.
Deutschland und Indien feiern in diesem Jahr 75 Jahre diplomatische Beziehungen. Der Besuch des Bundeskanzlers im Januar 2026 und die Einigung auf ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien unterstreichen das positive Momentum. Allerdings hängt die Nutzung dieser Chancen stark von individuellen Faktoren ab. Dabei spielen Geschäftsmodell, Zeithorizont, regionaler Fokus, Vertriebskanäle und finanzielle Möglichkeiten eine Rolle.
Welchen Stellenwert hat „Made in Germany“ bei indischen Verbrauchern?
Volker Klima: Das Deutschlandbild in Indien ist sehr positiv. Die Marke „Made in Germany“ nutzt diese Wahrnehmung und fördert definitiv das Interesse an deutschen Waren und Dienstleistungen. Die Menschen in Indien schätzen deutsche Technologie und Innovationen. Im Ernährungsbereich ist dieses Potenzial bislang aber noch kaum ausgeschöpft.
Welche Rolle spielen Themen wie Qualität, Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit bei indischen Verbrauchern?
Volker Klima: „Made in Germany“ ist ein Versprechen an den Kunden und das wird auch eingefordert. Qualität ist das entscheidende Kriterium für Kunden im Premium- und oberen Mittelklassesegment, in dem deutsche Produkte angesiedelt sind. Geprüfte Lebensmittelsicherheit ist ebenso gesetzt und wird durch die Lebensmittelbehörde FSSAI auf allen Produkten sichtbar kommuniziert. Beim Thema Nachhaltigkeit sind die Ansprüche eher geringer, da für die Mehrheit der Verbraucher die Marke, ggf. auch als Statussymbol, und insbesondere der Geschmack entscheidender sind.
Quelle: Volker KlimaGibt es weitere Besonderheiten, die deutsche Hersteller beim Markteintritt kennen sollten?
Volker Klima: Aufgrund der teils sehr hohen Temperaturen, gelegentlich auch größeren Distanzen zu den Märkten, achten die Verbraucher stark auf die Verpackungsgrößen und die Nutzung des Internets. Flaschen mit „nur“ 200 ml oder Tüten mit „nur“ 15 g Inhalt sind keine Seltenheit. Obwohl die Familie eine zentrale Rolle in der indischen Gesellschaft spielt, wird man XXL-Familien- oder Sparpackungen wie man sie aus Deutschland oder den USA kennt, kaum finden. Dafür boomen E-Commerce-Plattformen, bei denen man fast alles bestellen kann. Der Quick-Commerce mit den unendlich vielen Mopedfahrern auf den Straßen liefert die Bestellungen teils innerhalb von fünf Minuten bis zur Haustür.
Eine kulturelle Besonderheit ist, dass egal ob man im Restaurant isst oder zu einer indischen Familie eingeladen wird, die entscheidende Frage ist immer, ob man Vegetarier ist oder nicht. Dies kann gesundheitliche Gründe haben, ist jedoch zumeist spirituell- religiös begründet. Die Speisekarten und die Produkte sind in der Regel entsprechend gekennzeichnet.
Worauf sollten Unternehmen beim Markteintritt strategisch achten?
Volker Klima: Wer in Indien Geschäfte machen will, braucht einen klaren Fokus und muss langfristig planen. Schon zu Beginn sollte man sich fragen, ob man nur ein paar Container verschiffen oder eine dauerhaftere Präsenz aufbauen möchte, etwa durch ein Büro, ein Joint Venture oder die Übernahme eines bestehenden indischen Unternehmens. Die indischen Regularien sind sehr umfangreich und variieren von Bundesstaat zu Bundesstaat.
Und beim Vertrieb?
Volker Klima: Ein Einstieg über die zahlreichen kleinen Straßenläden, sogenannte Kirana-Shops, ist angesichts des harten Wettbewerbs kaum realistisch. E-Commerce ist für deutsche Unternehmen eventuell der vielversprechendere Weg. Es wäre für mich ein kleiner Traum oder zumindest eine Vision, wenn man in Indien einen Online-Handel mit rein deutschen Produkten und Dienstleistungen mit einem Vertriebssystem anbieten könnte. Damit kann man gemeinsam unter der Marke „Made in Germany“ vermarkten und man kann die unternehmerischen Risiken minimieren, die einen Markteintritt in Indien mit sich bringen sowie ein gemeinsames Marketing organisieren.
Welche Trends sehen Sie aktuell bei jüngeren oder urbanen Konsumentengruppen in Indien?
Volker Klima: Immer mehr junge Inder studieren im Ausland, z.B. USA, UK, Australien oder haben dort ihren Abschluss gemacht. In Deutschland studieren aktuell ca. 60.000 Inder. Die dort gewonnen kulinarischen Erlebnisse bei Marken, Qualitäten und Geschmacksrichtungen bringen sie zurück in ihre indische Heimat. Im letzten Jahr wurde ich von Rückkehrern gefragt, wo man denn hier „Deutschen Riesling“ kaufen könne. Nach deutschem Bier, Brezeln, Würsten und Schokolade wurde sich ebenso schon bei mir erkundigt.
Auch die uns bekannten Volkskrankheiten wie Diabetes, Adipositas, Bluthochdruck etc. sind in Indien allgegenwärtig. All dies fördert ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein der jungen Bevölkerung. Kombiniert mit sportlicher Fitness, gemeinsamen Sport- und Kulturveranstaltungen entwickelt sich ein ganz eigener indischer Lifestyle der jungen Generation, die mit durchschnittlich 28 Jahren eine der jüngsten auf unserem Planeten ist. Die jungen Inder fragen nach pflanzen-basierten Proteinen, zuckerfreien sowie salzreduzierten Ernährungsprodukten. Neben ihren indischen Traditionen und dem weitverbreiteten Vegetarismus sind sie jedoch auch sehr neugierig und probieren gerne Neues aus.
Gibt es aus Ihrer Sicht bestimmte deutsche Produkte, die in Indien bislang noch unterschätzt werden, dort aber großes Potenzial hätten?
Volker Klima: Der Anteil des deutsch-indischen Agrarhandels am gesamten deutschen Agrarhandel liegt bei unter einem Prozent. Das im Januar 2026 geschlossene Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien gibt dem deutschen Agrarexport jetzt einen neuen Impuls.
In Indien trinkt man gerne Alkohol und liebt Süßigkeiten. Mit deutschen Weinen, deutschem Bier und deutschen Süßwaren trifft man ganz gewiss den Geschmack hier vor Ort. Öl- und Hülsenfrüchte treffen ebenso auf eine starke indische Nachfrage. Die indische verarbeitende Industrie sieht in ihrem Bereich ein starkes Wachstum. Warum sollten nicht auch deutsche verarbeitete Nahrungsmittel im wachsenden Markt noch verbreiteter werden? Ob in Delhi oder einem der anderen 28 Bundesstaaten, es gibt immer und überall zahlreiche Messen der Agrar- und Ernährungsindustrie. Ich wurde bereits mehrmals von indischen Messeteilnehmern gefragt, ob ich nicht Kontakte zu deutschen Maschinenunternehmen der verarbeitenden Ernährungsindustrie hätte.
Wenn auch nicht klassischer Bestandteil der Ernährungsindustrie, so haben doch auch Landmaschinen ein großes Potential. Seit einigen Jahren fördert Indien vermehrt den Export von Meeresfrüchten, insbesondere Shrimps. Erste Gespräche deuten darauf hin, dass hier auch Möglichkeiten für den deutsch-indischen Agrarhandel liegen.
Wie wichtig ist dabei ein koordiniertes Vorgehen?
Volker Klima: Der Wettbewerb in Indien ist knallhart, nicht nur zwischen indischen Akteuren, sondern auch zwischen europäischen, asiatischen und amerikanischen Marktteilnehmern. Für ein Einzelunternehmen kann es mitunter schwer sein, auf dem indischen Markt Fuß zu fassen.
Daher ist es umso wichtiger, dass die Unternehmen auf ihr Marketing achten und dass deutsche Wirtschaft und Politik verstärkt in Indien zusammenarbeiten, wie es bereits in der Agrarexportstrategie von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer skizziert worden ist.
Ob auf deutschen Gemeinschaftsständen bei Messen, Delegationsreisen oder Veranstaltungen in der Deutschen Botschaft in Delhi oder in einem der vier Generalkonsulate (Mumbai, Bangalore, Chennai, Kalkutta); wie z.B. Weinverkostung, Weihnachtsmarkt, Erntedankfest oder Tag der Deutschen Einheit; ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen unter dem Dach „Made in Germany“ präsentiert die deutsche Ess- und Trinkkultur und fördert den deutschen Dichter-, Denker-, Forscher-, Innovations-, und Sportlergeist in Indien und in Deutschland.
Wie können Unternehmen der deutschen Ernährungsindustrie konkret von Ihrer Arbeit als Agrarattaché in Indien profitieren?
Volker Klima: Mein Büro befindet sich an der Deutschen Botschaft in Neu-Delhi, der viertgrößten deutschen Auslandsvertretung weltweit. Zuweilen erscheint es mir wie eine Mammutaufgabe, in einem neunmal größeren Land mit einer 17-mal größeren Bevölkerung die deutschen Agrar- und Ernährungsinteressen zu vertreten. Aber hier in Delhi sitze ich nah an den politischen Entscheidungsträgern in Ministerien, Behörden und Fachverbänden. Mein Netzwerk umfasst indische und deutsche Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Gastronomie und Hotellerie sowie die vier Generalkonsulate sowie verschiedene deutsche Bundesressorts.
Natürlich stehe ich auch mit der AHK Indien im Kontakt, die in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen in Indien feiert und die größte weltweit ist. Mit der GTAI tausche ich mich zu regelmäßig zu neuen Entwicklungen im Agrar- und Ernährungsbereich aus.
Informationen und Netzwerke betrachte ich als meine Währungen. Bei Delegationsreisen, Markterkundungen, Handelsfragen und Messebeteiligungen sehe ich mich als Ansprechpartner und Moderator, der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringt, um Handelsmöglichkeiten zu schaffen und Wohlstand im beiderseitigen Interesse zu fördern.
Welche Rolle spielen Start-ups dabei?
Volker Klima: Auf junge und dynamische Start-ups in Deutschland und Indien möchte ich einen besonderen Fokus legen. Denn gerade die junge Generation mit ihrem Einfallsreichtum eröffnet beiden Ländern neue Märkte und Möglichkeiten für den Nahrungsmittelhandel und bereichern die Ess- und Trinkkultur in beiden Ländern.
Zum Abschluss noch etwas Persönlicheres: Welche deutschen Lebensmittel vermissen Sie in Indien im Alltag manchmal besonders?
Volker Klima: Vielen Dank, dass Sie diese Frage stellen. Ich muss gestehen, dass ich mich schon sehr über eine Thüringer Bratwurst oder sonstige Fleisch- und Wurstwaren freue. Und wenn es dann noch ein kaltes Bier oder auch mal einen Wein dazu gibt, dann ist der Tag perfekt. Gelegentlich veranstalten wir in unserer Freizeit auch „Bier & Bratwurst“ – Feiern, zu der wir nationale und internationale Freunde einladen. Denn auch im Ausland gilt, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhalten, insbesondere wenn es dann noch aus der Heimat kommt.
Und andersherum: Welche indischen Lebensmittel würden Sie gerne häufiger in deutschen Supermarktregalen sehen?
Volker Klima: Die Indische Küche ist unheimlich divers. Gefühlt kann man an jedem Tag des Jahres etwas Neues probieren: Südindisch, Nordindisch, mit Fleisch, ohne Fleisch, scharf oder süß. Die Vielzahl der Früchte natürlich auch Mangos und Drachenfrüchte, dürfen nicht fehlen. Kaltes Kokoswasser erfrischt bei über 40 Grad im sommerlichen Schatten. Sehr gern mag ich die kleinen Teigtaschen, „Momos“ genannt, die man auf der Straße oder in den Restaurants essen kann. In ähnlicher Form gibt es sie bereits als Pierogi, Pelmeni oder Maultausche bei uns in den heimischen Kühltheken.
Vielen Dank für das Gespräch!
6. Außenwirtschaftsseminar der Agrar- und Ernährungswirtschaft
📍 16. Juni 2026 | Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Bonn
Eine starke Außenwirtschaft braucht starke Netzwerke. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) laden am 16. Juni zum sechsten Außenwirtschaftsseminar der Agrar- und Ernährungswirtschaft ein. Hochrangige Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutieren aktuelle Herausforderungen und Chancen im internationalen Handel. In parallelen Länderforen zu Großbritannien, Indien und den Niederlanden haben Unternehmen die Möglichkeit, sich gezielt zu informieren und wertvolle Kontakte zu knüpfen.
Weitere Informationen: https://www.auwitag-ernaehrung.de/

