Krisenmanagement in der Lebensmittelindustrie: Wenn die Produktkrise zum Ernstfall wird

Durch einen aktuellen Erpressungsversuch gegen einen deutschen Babynahrungshersteller ist ein Thema in den Fokus gerückt, das in der Lebensmittelindustrie dauerhaft auf der Agenda steht: Wie gut sind Unternehmen der Ernährungsindustrie auf Produktkrisen vorbereitet, welche Krisenmanagement-Strukturen brauchen sie, und was entscheidet im Ernstfall wirklich?

Krisenstab in der Lebensmittelindustrie: Team analysiert Daten im MeetingQuelle: snowing12 / Adobe Stock

„Lebensmittelhersteller stehen vor einer besonderen Verwundbarkeit. Ihre Produkte sind bundesweit verfügbar, in Supermärkten, Drogerien und Onlineshops, und damit an Tausenden Verkaufspunkten potenziell angreifbar. Genau das macht sie für Erpressungsversuche attraktiv“, sagt Klaus Peter Feller, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Der jüngste Fall, der die Branche aufschreckte, belegt das eindrücklich. Ein Unbekannter hatte Babygläschen mit Rattengift versetzt und damit versucht, einen namhaften deutschen Babynahrungshersteller zu erpressen. Insgesamt fünf manipulierte Gläschen wurden in Österreich, Tschechien und der Slowakei entdeckt. Handelsketten in mehreren Ländern räumten die betroffenen Produkte aus den Regalen. Inzwischen hat die österreichische Staatsanwaltschaft einen 39-jährigen Verdächtigen festgenommen.

Wenn der Absatz in Gefahr gerät: Wie Krisen in der Lebensmittelindustrie entstehen

Für die Ernährungsindustrie sind die hergestellten Erzeugnisse die Grundlage der Wertschöpfung und damit des wirtschaftlichen Erfolgs. Wenn ihr Absatz in Frage gestellt oder das Qualitätsversprechen der jeweiligen Marke beschädigt wird, entsteht ein ernstes Problem, das sich zur Krise ausweiten kann. Ob es dazu kommt, hängt entscheidend davon ab, ob und wie schnell ein Unternehmen reagiert.

„Effektive Krisenbewältigung erfordert eine präventive Auseinandersetzung mit möglichen Unternehmensbedrohungen“, betont Feller. Das bedeutet konkret: planerische und organisatorische Vorbereitung, einen funktionsfähigen Krisenstab, ausgearbeitete Krisenpläne. Nur so lässt sich im Ernstfall schnell reagieren und drohender Schaden abwenden oder begrenzen.

Produktkrisen haben viele Gesichter. Häufig liegen ihnen interne Schwachstellen zugrunde, die das Qualitätsmanagement oder die betrieblichen Abläufe betreffen. Typische Auslöser sind mikrobiologische Verunreinigungen, Fremdkörper in Produkten, nicht deklarierte Allergene und fehlerhafte Produktkennzeichnungen.

Daneben gibt es externe Bedrohungen. Ein Paradebeispiel sind Produktmanipulationen im Rahmen von Erpressungsversuchen, die spätestens dann eine hohe Öffentlichkeitswirkung entfalten, wenn die Gefahrenlage zu einem öffentlichen Produktrückruf führt.

Weitere Risikoquellen sind Störungen in Lieferketten, Reputationsschäden durch negative Berichterstattung oder Angriffe auf die IT-Infrastruktur. Die Bandbreite möglicher Szenarien ist groß. Gemeinsam haben alle eins: Im Ernstfall zählt jede Minute.

Gut vorbereitet im Ernstfall: Die Grundlagen der Krisenprävention

Wer erst dann anfängt zu planen, wenn die Krise bereits eingetreten ist, verliert wertvolle Zeit. Zu den Grundlagen einer soliden Krisenprävention gehört es, die Erkenntnisse der Risikobewertung zu analysieren, schriftlich zu erfassen und regelmäßig zu aktualisieren.

Im Ernstfall braucht es dann ein funktionsfähiges Management, das die notwendigen Maßnahmen zügig umsetzen kann. Dafür muss ein Krisenstab feststehen, dessen Mitglieder jederzeit erreichbar sind. Ein Krisenablaufplan legt fest, wer in welchem Prozessschritt Verantwortung trägt. Darüber hinaus sollten die relevanten Ansprechpartner in der Lieferkette und bei den zuständigen Behörden bekannt sein, damit im Ernstfall keine Zeit mit der Suche nach dem richtigen Gesprächspartner verloren geht.

Aber auch in diesem Kontext gilt: „Grau ist alle Theorie.“ Die Krisenvorsorge sollte regelmäßig in Simulationen erprobt werden. Nur so lässt sich im Vorfeld verlässlich beurteilen, ob Managementkapazitäten und praktisches Erfahrungswissen ausreichen, um im Ernstfall schnell und sachgerecht zu handeln. Werden dabei Lücken festgestellt, ist zu entscheiden, ob diese durch interne Maßnahmen oder externe Expertise geschlossen werden. Denn das ist die Voraussetzung, um Schäden zu vermeiden oder zumindest zu begrenzen.

Produktkrise im Mittelstand: Besondere Herausforderung für kleine und mittlere Unternehmen

Gerade für den Mittelstand ist das keine leichte Aufgabe. „Die Komplexität einzelner Krisen übersteigt häufig die Managementkapazitäten und den Erfahrungshintergrund der Betroffenen“, sagt Feller. Wer keine eigene Krisenstruktur vorhält und im Fall der Fälle improvisieren muss, riskiert nicht nur den Schaden durch die Krise selbst, sondern auch einen zusätzlichen Vertrauensverlust durch zögernde oder fehlerhafte Reaktionen.

Dabei sind es nicht immer die großen Konzerne, die ins Visier geraten. Erpressungsversuche, Produktmanipulationen oder Lieferkettenausfälle können jedes Unternehmen treffen, unabhängig von seiner Größe.

Was die BVE seit fast zwei Jahrzehnten leistet

Genau für diese Herausforderungen hat die BVE bereits 2006 ein strukturiertes Krisenmanagement-Angebot aufgebaut, das Unternehmen der Ernährungsindustrie sowohl in der Prävention als auch im konkreten Krisenfall unterstützt. Es umfasst eine 24/7-Krisenhotline mit einer Reaktionszeit von 60 Minuten, erfahrene Krisenberater für die Erstberatung und Sachverhaltsanalyse sowie die operative Unterstützung bei Behördenkontakten. Bei Bedarf werden spezialisierte Experten aus einem bewährten Netzwerk vermittelt, darunter Juristen, Labore und krisenerprobte Sicherheitsfachleute.

Ergänzt wird das Angebot durch Seminare zur Krisenprävention. Themen reichen von Reklamation und Produktrückruf über Recht und Behördenkommunikation bis hin zu Lieferkette, Nachhaltigkeit und Risikokommunikation.

Unternehmen, die ihre Krisenfestigkeit systematisch stärken oder im Ernstfall schnell handlungsfähig sein wollen, finden >> hier konkrete Unterstützung und alle Informationen zum BVE-Risikoschutz.

Vorbereitung entscheidet, nicht das Glück

Der aktuelle Erpressungsfall macht deutlich: Lebensmittelhersteller sind verwundbar. Ihre Produkte liegen in Tausenden Regalen und lassen sich nicht lückenlos schützen. Krisen wird es immer geben. Was den Unterschied macht, ist die Vorbereitung. Wer im Ernstfall schnell, strukturiert und transparent reagiert, begrenzt den Schaden und bewahrt das Vertrauen von Verbrauchern, Handel und Behörden.

Die entscheidenden Weichen werden nicht im Krisenmoment gestellt, sondern lange davor.

Häufige Fragen zum Krisenmanagement in der Lebensmittelindustrie

Was ist ein Krisenstab und warum brauchen Lebensmittelhersteller ihn?

Ein Krisenstab ist ein vorab festgelegtes Team aus Führungskräften und Fachleuten, das im Ernstfall sofort handlungsfähig ist. Seine Mitglieder müssen jederzeit erreichbar sein und klare Verantwortlichkeiten tragen. Für Lebensmittelhersteller ist er unverzichtbar, weil Krisen komplex sind und schnelles, koordiniertes Handeln erfordern.

Wie schützen sich Unternehmen vor Produktkrisen?

Effektive Krisenvorsorge beginnt mit einer systematischen Auseinandersetzung mit möglichen Bedrohungen. Daraus folgen konkrete Maßnahmen: planerische und organisatorische Vorbereitung, ein einsatzbereiter Krisenstab und ausgearbeitete Krisenpläne. Nur so lässt sich im Ernstfall schnell reagieren und drohender Schaden abwenden oder begrenzen.

Wie bereiten sich Unternehmen auf einen Produktrückruf vor?

Grundlage ist ein funktionierendes Rückverfolgbarkeitssystem: Paletten, Kartons und Endverbrauchereinheiten müssen eindeutig erfasst sein, damit im Ernstfall klar ist, welche Chargen wo im Handel liegen. Dazu braucht es einen dokumentierten Rückrufplan mit aktuellen Kontaktlisten für Krisenstab, Lieferanten, Kunden und Behörden. Beides sollte regelmäßig getestet werden.

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