Digitaler Fehlstart bei Fischimporten: Minister Rainer zieht die Notbremse

Der digitale Neustart sollte Europas Waffe gegen illegale Fischerei werden. Doch drei Wochen nach der Einführung kollabiert das EU-Kontrollsystem CATCH. Importeure berichten von wiederkehrenden Systemfehlern, die Bearbeitungszeit pro Sendung explodiert, verderbliche Ware bleibt liegen, Lieferketten brechen zusammen. Bundesminister Rainer ordnet die vorübergehende Rückkehr zum nationalen System an. Auch andere EU-Staaten berichten über vergleichbare Umsetzungsprobleme.

Frisch gefangene Fische in blauer Kiste am Hafen, im Hintergrund Fischerboot und geschäftiges TreibenQuelle: Aerial Film Studio / Adobe Stock

Kaum drei Wochen nach der verpflichtenden Einführung des EU-weiten Digitalzertifikats CATCH für Fischimporte zieht Bundesminister Alois Rainer die Notbremse. Das von der EU-Kommission entwickelte Informationssystem zur Bekämpfung illegaler Fischerei erweist sich als derzeit nicht praxistauglich – mit spürbaren Folgen für die Fischwirtschaft. Rainer ordnete daher an, bis auf Weiteres das bewährte nationale System FIKON II zu nutzen.

Die Entscheidung erfolgt kurz nach dem 10. Januar 2026, als CATCH EU-weit verpflichtend eingeführt wurde, um Fangbescheinigungen digital zu erfassen und die Einfuhr von Fischereierzeugnissen zu kontrollieren. Ziel war es, Verfahren zu harmonisieren und die Bekämpfung illegaler, ungemeldeter und unregulierter Fischerei zu stärken. Doch statt der angestrebten Effizienz sehen sich Importeure und Behörden derzeit mit technischen Herausforderungen konfrontiert „Warenanmeldungen, die bislang zehn Minuten dauerten, beschäftigen Wirtschaftsbeteiligte und Behörden nun mehrere Stunden“, heißt es in der Pressemitteilung des Ministeriums.

Systemausfälle gefährden Lieferketten

Die Probleme gehen weit über lange Bearbeitungszeiten hinaus. Dr. Fabian Schäfer vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie und des Fischgroßhandels beschreibt die Lage so: „Mit der verpflichtenden Nutzung von CATCH ist ein System live gegangen, das nicht belastbar ist. User berichten von wiederkehrenden Systemfehlern, nicht funktionierenden Validierungsprozessen, langen Ladezeiten und vollständigen Systemausfällen.“

Die Konsequenzen sind gravierend. „Diese Probleme führen zu Rückstaus, verzögerten Freigaben und realem wirtschaftlichen Schaden – insbesondere bei frischer und zeitkritischer Ware“, so Schäfer weiter. In der Folge drohen laut Ministerium die Vernichtung von Lebensmitteln sowie erhebliche wirtschaftliche Schäden für Unternehmen.

Manuelle Doppeleingabe statt Digitalisierung

Besonders absurd: Das digitale System erzeugt mehr Bürokratie als die vorherige Lösung. „Fangbescheinigungen müssen händisch in CATCH und teilweise für die interne Warenwirtschaft zusätzlich in bestehende Rückverfolgungssysteme übertragen werden“, erklärt Schäfer. Der Arbeitsaufwand steige „von 10 Minuten auf mehrere Stunden pro Sendung, was bei vielen täglichen Importen völlig unpraktikabel ist.“

Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Liefertermine werden verpasst, Produkte könnten verderben, Handelspartner könnten das Vertrauen in europäische Abläufe verlieren.

Kein Einzelfall: Mehrere EU-Länder betroffen

Deutschland steht mit seinen Erfahrungen nicht allein da. „Auch andere Länder haben sich auf dem EU-Agrarrat in dieser Woche über CATCH beklagt“, betonte Minister Rainer. Das Problem sei „strukturell, nicht national“, bestätigt auch Schäfer vom Bundesverband der Fischindustrie.

Hintergrund ist die Reform der EU-IUU-Verordnung, die mit der Verordnung (EU) 2023/2842 die vollständige Digitalisierung der Fangbescheinigungen vorsieht. Ziel ist es, Manipulationen zu erschweren, Mehrfacheinreichungen zu verhindern und Kontrollverfahren unionsweit zu vereinheitlichen.

Nach Angaben aus dem Ministerium fehlte eine umfassende Testphase im Echtbetrieb. Zudem seien viele Wirtschaftsbeteiligte, insbesondere in Drittstaaten, noch nicht ausreichend geschult, sodass fehlerhafte oder unvollständige Dokumente eingereicht würden.

Lob für deutsche Notfallregelung

Die Entscheidung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat (BMELH), vorläufig zum nationalen System FIKON II zurückzukehren, wird von der Branche begrüßt. „Die Entscheidung des BMELH ist ein notwendiger Schritt zur Schadensbegrenzung“, sagt Schäfer. „Sie zeigt Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Wirtschaft und den Verbraucherinnen und Verbrauchern und setzt zugleich ein deutliches Signal an die EU: Digitalisierung in der Fischereikontrolle muss funktionieren und darf nicht zur Gefahr für Lieferketten werden.“

FIKON II sei „eine pragmatische Übergangslösung und genau das, was der Markt in dieser Situation gebraucht hat“, so der Branchenvertreter. Das Ministerium betont, dass es sich um eine befristete Maßnahme handelt, bis die technischen Voraussetzungen für eine stabile Nutzung von CATCH gewährleistet sind.

Was ist CATCH?

CATCH steht für „Computerised Access to Catch Certificates“ und ist ein EU-weites digitales Informationssystem für Fangbescheinigungen. Es ist Bestandteil der überarbeiteten IUU-Regelungen und soll die Rückverfolgbarkeit von Fischereierzeugnissen verbessern.

Erfasst werden Angaben zu Fangschiff, Fanggebiet, Fangzeitraum und verwendetem Fanggerät. Behörden der Mitgliedstaaten können die Daten elektronisch prüfen, miteinander abgleichen und Genehmigungen digital erteilen.

Langfristig soll das System auch statistische Auswertungen erleichtern, Betrugsrisiken reduzieren und Verwaltungsverfahren beschleunigen.

Forderungen an Brüssel

Minister Rainer macht nun Druck auf die EU-Kommission: „Die EU-Regelungen müssen für alle Beteiligten nachvollziehbar und handhabbar sein. Ich erwarte daher möglichst zeitnah ambitionierte Vorschläge der Kommission, um die Schwierigkeiten zu beheben.“

Auch die Fischindustrie formuliert klare Erwartungen. „CATCH kann erst dann praxistauglich sein, wenn die technische Grundlage stimmt“, betont Schäfer. „Ohne ein verlässliches System bleibt jeder Versuch europäischer Digitalisierung wirkungslos und erzeugt nur Krisenbewältigung statt Kontrolle.“

Darüber hinaus fordert er Schnittstellen zu bestehenden Systemen: „Die manuelle Doppeleingabe ist weder wirtschaftlich noch nachhaltig. Ein digitaler Prozess darf nicht mehr Aufwand erzeugen als ein papierbasierter.“

Drittländer müssen mitgenommen werden

Ein weiterer kritischer Punkt: die internationale Dimension. „Zusätzlich müssen die Ursprungsländer mitgenommen werden“, sagt Schäfer. „Es braucht Unterstützung für Behörden und Exporteure in Drittländern, klare, realistische Übergangsfristen und vor allem: hürdenfreie Registrierung und Schulungen.“

Er warnt zugleich vor möglichen Marktfolgen: „Wenn Herkunftsländer die Dokumente nicht erstellen können, bricht die gesamte Lieferkette weg. Europa verliert dann Märkte, nicht nur Daten.“

Die Funktionsfähigkeit des Systems hängt maßgeblich davon ab, dass Exportstaaten technisch und administrativ in der Lage sind, digitale Fangbescheinigungen korrekt zu erstellen und zu übermitteln.

Die deutsche Übergangsregelung gilt vorerst unbefristet. Wann CATCH flächendeckend stabil einsatzbereit sein wird, ist derzeit offen. Die EU-Kommission steht nun unter Zugzwang, zeitnah Lösungen zu präsentieren und die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung zu begleiten.